1991 & 1999

>>Zu Belinda’s Story

Pezi’s Story

Ich bin der Geist, der stets verneint!
Und das mit Recht; denn alles, was entsteht,
Ist wert, daß es zugrunde geht;
Drum besser wär‘s, daß nichts entstünde.
So ist denn alles, was ihr Sünde,
Zerstörung, kurz das Böse nennt,
Mein eigentliches Element.

Eigentlich sollte es ja klar sein, dass Mephisto in Goethes ‚Faust‘ der Böse ist. Allerdings hat mich schon immer gestört, dass Faust, dieser alte Sack, total spitz auf das blutjunge Gretchen ist und wenn man es recht bedenkt, ist Faust ein ganz schöner Spacken. Ich war also schon zu Schulzeiten eher im Team Mephisto. Das sind wohl keine guten Vorzeichen …

Samstagnachmittag, strahlender Sonnenschein, Marienplatz. Ich bin mal wieder mit Belinda für einen Nachmittag voller Ungewissheit und Unwohlsein verabredet. Langsam fange ich an, an unserem Konzept zu zweifeln und ich hab wirklich überhaupt null Bock auf diese ganze Geschichte hier. Belinda meinte, ich solle auf jeden Fall lange Hosen und einen warmen Pulli anziehen – bei 30° C im Schatten… Mir ist also scheiß heiß und meine Laune im Keller – da ist’s wenigstens kühler, hehehehe. Zehn Minuten später stehen wir vor den Toren der wirklich beeindruckend großen Heilig-Geist-Kirche. Drinnen knien vereinzelt ein paar betende in den Kirchenbänken, es riecht nach Weihrauch, das Licht ist sehr gedimmt. Ich versuche, meinen Kaugummi herunterzuschlucken, aber das klappt nicht, also muss ich eine gefühlte Ewigkeit in meiner Tasche rumkruscheln, bis ich ein Papierl finde. Wir setzen uns in eine der Bänke. Belinda lümmelt sich gemütlich hin, worauf ich mich gezwungen sehe, sie darauf hinzuweisen, dass man die Füße nicht auf die Hinknie-Leiste stellen darf. Ich dachte als jahrzehntelange Ministrantin müsste man sowas wissen! Sie überreicht mir mit einem schuldbewussten Lächeln einen großen Umschlag: Darin wären alle wichtigen Infos für unser heutiges Event… Meine Gesichtsfarbe weicht, als ich ein mehrseitiges Dokument mit der Überschrift BEICHTEN FÜR ANFÄNGER aus dem Umschlag ziehe. Und alle, die bis jetzt gedacht haben, Mensch, süß die zwei, die machen immer so verrückte Sachen, denen sei gesagt: Nein! Da hat der Spaß ein Loch! Hier wird’s bitterer Ernst!
Belinda kichert irre vor sich hin und hat schon wieder die Füße auf der Hinknie-Leiste. Sie ist auch nervös. Ich fange an BEICHTEN FÜR ANFÄNGER zu lesen. Der erste Satz: Es ist wichtig, dass du beichten willst. Du solltest dich darauf freuen! Na herzlichen Glückwunsch! Und je länger ich in dieser sperrigen Kirchenbank sitze und darüber nachdenke, was mir bevorsteht, wird mir klar: Wenn ich das jetzt durchziehe, zehn Minuten voller Scham und Peinlichkeit über mich ergehen lasse, mir irgendwas aus den Fingern sauge ohne mich richtig damit auseinandergesetzt zu haben, ist das weder der Sinn der Sache noch ist es respektvoll dem Priester gegenüber, der sich Zeit für mich nimmt. Ich bin nicht wirklich gläubig, will aber diese Herausforderung zum Anlass nehmen, darüber nachzudenken, ob ich wirklich der Mensch bin, der ich sein will, wo meine Schwächen liegen und was in der Vergangenheit vielleicht nicht so ganz korrekt gelaufen ist. Belinda findet ein bisschen Vorbereitungszeit auch sinnvoll und wir verschieben die Beichte um eine Woche. In diesem Moment fühle ich mich sehr erwachsen.

Ganz anders sieben Tage später. Ich habe einen kleinen Notizzettel in meiner Jackentasche, damit ich auch nichts vergesse. In welche Richtung das Kreuzzeichen geht, hab ich auch noch schnell gegoogelt. Kein Scheiß. Meine Klamotten sind bis auf die Unterwäsche nassgeschwitzt. Die kleine Glühlampe am Beichtstuhl schaltet von rot auf grün. Ich zwänge mich in das enge Kabuff und knie mich vor die vergitterte Öffnung.

Hallo! Hallo! Ich bin sehr nervös. Keine Angst, ich verspreche dir, ich reiß dir nicht den Kopf ab. Wann war denn deine letzte Beichte? Na so 1991. Hui! Na ja, jetzt bist ja da. Also erzähl mal, aber schrei doch nicht so! Okidiki! Ich spicke auf meine Zettel und arbeite einen Punkt nach dem anderen ab. […] Ähhh … ich glaub ich bin dann fertig. Also das klingt ja alles gar nicht so dramatisch und wegen den paar Zigaretten, mei machst halt bissl mehr Sport.  […] Kennst du das Lied „BlaBlaIrgendwasHallelujah“? Mhm Nö…. Aber das Vaterunser, das kennste? Ja! Das kenn ich! Das schaff ich! Also dann das! Bitte zweimal mit kleinen Pausen, also so: Vater unser im Himmel PAUSE! Geheiligt werde Dein Name PAUSE! usw. halt… Ich werde dich heute bei meiner Abendmesse in meine Gebete einschließen, ich wünsch dir nur das Beste und freue mich sehr, dass du heute bei uns warst. Nächstes Mal wartest halt keine 25 Jahre. Ja ok, vielen Dank und einen schönen Abend wünsch ich Ihnen! Ach, das ist aber nett! Tschühüüüss! Ja Tschüss!

Später sitzen Belinda und ich bei Bier und Kippen im Augustiner. Anders wär‘s nicht gegangen. Ich bin ganz beschwingt von der Herzlichkeit und Unkompliziertheit dieses Priesters, der mich ja gar nicht kennt und sich trotzdem soviel Zeit für mich genommen hat. Belinda meinte, bei ihr wär’s a weng komisch gewesen. Vielleicht hätte sie die Beichte an sich missverstanden Ihr Priester hätte wohl nicht so ganz kapiert, worauf sie hinaus wollte. Oder andersrum.
Der Schirm, unter dem wir sitzen, schützt nicht wirklich vor dem strömenden Regen. Wir werden ziemlich nass – aber das stört uns nicht. Diese rein waschende Sintflut kommt uns gerade recht.
Ich erinnere mich an einen Satz aus BEICHTEN FÜR ANFÄNGER: Nach dem Du den Beichtstuhl verlassen hast, versuche auf dem Boden zu bleiben – viele haben nämlich dann das Gefühl, zur Decke zu schweben. Also bremse ich meine gute Laune, gehe nach Hause, freue mich auf die neue Folge Game of Thrones und frage mich, ob ich jetzt schlauer bin als vorher. Wahrscheinlich nicht. Werde ich jetzt ein besserer Mensch? Wahrscheinlich nicht. Werde ich jetzt regelmäßig zur Beichte gehen? Ich fürchte nicht. Habe ich Punkte gefunden an denen ich an mir arbeiten will? Ich fürchte schon. Also bin ich mir in einer Sache sicher: Geschadet hat‘s nicht!
Und das war des Pudels Kern.

PudelsKern

Und ach ja:  Auf dieser Webseite kann man online Beichten und digitale Kerzen anzünden! Unbedingt mal ausprobieren!

Belinda’s Story

Das Licht schaltet von rot auf grün. Es riecht nach Weihrauch und die Luft ist kühl. Noch ein paar Schritte, dann befinde ich mich definitiv in einer unausweichlichen Lage. Unausweichlich, weil ich mit gefalteten Händen in einem Beichtstuhl knie. Der Pfarrer beginnt die Beichte und mein gedanklich zurecht gelegter „Beicht-Fahrplan“ ist erstaunlicherweise noch da. Der Pfarrer ist auch erstaunt, denn meine letzte Beichte war zur Erstkommunion 1999. Seitdem habe ich die Beichte nur in Filmen gesehen und fand die Situationen immer urkomisch. Wer bitte hat sich das ausgedacht mit dieser seltsamen Kammer? Gerade ist es aber nicht so lustig.

Um ehrlich zu sein, haben Pezi und ich zwei Anläufe zu unserer Beichte gebraucht:
An einem ziemlich heißen Samstag: Pezi schaut die große Kirche an und möchte sich gerne in Luft auflösen, sie ist ein bisschen rot im Gesicht. Wir gehen rein und nehmen Platz. Ich überreiche ihr einen Umschlag mit Eindutzend Seiten. Pezi liest, was auf dem Deckblatt steht, und ihr Unwohlsein steigt rapide. „Beichte für Anfänger“ steht drauf. Eine zwölfseitige Anleitung und Einstimmung zur Beichte. Nach einigen Minuten zeigt sie auf einen Satz im Beicht-Manuskript: „Die Beichtvorbereitung beginnt somit nicht erst zehn Minuten vor dem Termin in der Kirche.“ Also beschließen wir uns eine Woche Zeit zu lassen, um uns selbst zu reflektieren. Eine „Adhoc-Beichte“ wäre nicht im Sinne der eigentlichen Beichte gewesen. So was in die Richtung habe ich schon geahnt. Pezi ist sichtlich erleichtert und kauft gleich danach ordentlich bei H&M ein.

Als es dann eine Woche später soweit ist und ich an der Reihe bin, gehen mir so allerhand Gedanken durch den Kopf. Man legt sich einige Sätze zurecht und weiß trotzdem nie, ob man sie ausspricht oder nicht. Bei meiner ersten Beichte habe ich die üblichen Dinge wie „Ich lüge oft“ (das „oft“ war gelogen und das mein ich im positiven Sinne) etc. gebeichtet. Daraufhin erzählte der damalige Pfarrer mir ein Gleichnis und ich verstand nur Bahnhof. Ich wusste nicht, was ich mit dieser Geschichte anfangen soll. Meine größte Sorge allerdings war: der Pfarrer könnte mich an meiner Stimme erkennen, denn er kannte mich als Ministrantin persönlich. Das ist nun meine kleinste Sorge.

Heute fühlt sich meine Beichte genauso komisch an wie damals. Ich erzähle fünf Minuten von den unschönen Seiten an mir und lege eine lange Pause ein. Trotzdem höre ich nichts von der anderen Seite der Plexiglasscheibe, die mit kleinen runden Lausch-Löchern versehen ist. Nach einer Minute Schweigen möchte ich am liebsten gehen. Es gibt in diesem Moment nichts Schlimmeres als sein Innerstes offenbart zu haben und dann angeschwiegen zu werden. Doch dann spricht er endlich. Der Pfarrer ist sehr nett, versteht aber nicht, warum ich seit 17 Jahren nicht gebeichtet habe und mich heute dazu entschlossen habe. Er freue sich aber darüber und es sei doch ein Anfang. Außerdem gibt er mir zu verstehen, dass er meine Sorgen nicht in einem direkten Zusammenhang mit einer Beziehung zu Gott bringen kann und diese auch nicht so wild findet. Das bringt mich noch mehr in Verlegenheit. Meine Sünden seien jedenfalls trotzdem vergeben und ich solle öfter in den Gottesdienst kommen. Ein Vater-Unser bitte.

Pezi ist sehr lange im Beichtstuhl und ich fange an mir Sorgen zu machen. Ich male mir aus, wie sie nach der Beichte traumatisiert in der Kirchenbank sitzt, dabei vor und zurück wippt. Dem ist aber nicht so. Als Pezi fertig ist, treffen wir uns draußen vor der Kirche. Pezi ist erleichtert und schwebt fast über dem Boden.

Ihre Beichte war wohl ein ziemlich lockeres Gespräch. Ihr sorgfältig präparierter „Beicht-Spickzettel“ war ihr eine große Hilfe. Ich glaub, der Zettel wurde ganz schnell vernichtet, auch wenn sie die Stichpunkte angeblich so verschlüsselt hatte, dass nur sie diese verstehen konnte.

Was fühlt man nach so einer Beichte? Ich war irgendwie aufgewühlter als vorher und hatte das Gefühl, nicht alles richtig gemacht zu haben, ganz im Gegenteil zu Pezi. Sie ist nun von ihrer „Bürde“, so nannte sie es, befreit. Eine Woche lang war sie sehr nervös und rauchte am Tag der Beichte ungewöhnlich viel. Das Interessante war: wir verspürten keinerlei Neugierde für die Sünden des anderen. Vorher nicht und auch danach nicht. Und das ist gut so.

BeichtenFuerAnfeanger-04

***FOR FREE***
„BEICHTEN FÜR ANFÄNGER“  hier downloaden

Schreibe einen Kommentar