Gollum & Schuhbeck

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Pezi’s Story

//The night is dark and full of terrors //

Mit diesen Worten beschwor schon die rote Lady in Game of Thrones die große Dunkelheit, die sich über die Welt legen wird. Sterne werden bluten, die Meere gefrieren und der Tod wird sich erheben. Gut, ganz so schlimm war unsere neuste Challenge nicht, aber nah dran. Dunkel war‘s auf jeden Fall.

Ich sitze Belinda gegenüber, aber sehen kann ich sie nicht. Ich höre ihr Atmen, und das der anderen Personen, die sich außer uns noch in dem Raum befinden. Unheilvolles Gemurmel mischt sich mit Schniefen, Schmatzen und Gekruschel. Ich ekel mich vor dieser uneinschätzbar großen Masse an Menschen, die anscheinend jede Art von guten Manieren verloren hat.
Belinda meint, ich soll vorsichtig sein, was ich mir in den Mund stecke. Ich spüre, wie mir in den Nacken gehaucht wird, dass mein Weinglas jetzt neben mir stehen würde. Ich versuche es zu greifen und lande mit meinen Fingern in einer nassen Pfütze. Dabei hätte ich jetzt wirklich gerne etwas von diesem Weißwein. Ich suche nach einer Serviette, um mir die Finger abzuwischen, finde aber keine. Ich nehme die von Nebentisch, interessiert sowieso keine Sau.
Vor mir steht anscheinend ein Teller mit was drauf. Ich suche nach Besteck, gebe aber schnell auf und esse mit den Fingern. Die geklaute Serviette habe ich schon wieder verloren, deswegen benutze ich meinen Ärmel. Der Ekel erreicht seinen Höhepunkt, als ich mir ein schrumpeliges, weiches, öliges Ding in den Mund schiebe. Nach kurzer Panikattacke stellt es sich als getrocknete Tomate heraus.

Ja, Belinda hat mich diesmal zum sogenannten „Dinner in the Dark“ entführt. Klingt ja eigentlich ganz amüsant.

Zweiter Gang. Irgendwas mit Fleisch. Mit Irgendwas überbacken. Das mit dem Besteck habe ich hinter mir gelassen. Aus den Augen, aus dem Sinn. Ich nehme das Stück Fleisch mit zwei Händen und beiße rein – wie Gollum. Ich schäme mich, aber das bekommt ja niemand mit. Alle anderen um uns herum amüsieren sich prächtig. Diese gesichtslose Masse, die ich mir als einen Haufen End-Vierziger mit schlechten Haarschnitten und verschmierten Mündern vorstelle, ist mir immer noch unangenehm. Manchmal rülpst einer. Einer lacht zeitweise sehr schallend. Einer schaltet sein Handy an, ein heller Lichtblitz blendet unsere empfindlich gewordenen Augen. Alle pöbeln hysterisch, bis sich rausstellt, dass eine alte Dame ihre Tabletten sucht, die sie zum Essen einnehmen muss.

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Belinda und ich sind aber mittlerweile in ein tiefgründiges Gespräch vertieft (Das Weinglas habe ich gefunden). Es erstaunt mich, dass ich Belindas Gesten und Mimik genau vor mir sehe, wenn sie spricht. Ich überlege, ob sie von mir das Gleiche denkt, während ich mir mit dem Ärmel den Mund abwische und mir ein Stück Brokkoli aus den Zähnen pule.
Wir müssen uns überwinden unsere Teller leer zu essen, aber wir befinden uns schließlich mitten in einer Challenge! Von Genuss kann hier aber wirklich keine Rede sein. Den Koch trifft selbstverständlich keine Schuld. Schuld ist die Tatsache, dass es einfach sehr befremdlich ist, sich etwas in Mund zu stecken, ohne zu wissen was. Und darauf rumzukauen. Und es dann runterzuschlucken. Dann liegt es da im Magen rum. Schwer. Dunkel. Undefinierbar. Noch dazu sind wir in dieser Meute mit zweifelhafter Kinderstube und schlechten Haarschnitten gefangen. Mir ist etwas blümerant zumute.

Das Dessert sind dreierlei Variationen von Irgendwas. Es ist auch ein Mousse dabei. Ein Mousse!!! Leute! Ohne Besteck! Danach werden wir genauso wie zu Beginn, im Entenmarsch durch die Dunkelheit wieder ans Tageslicht geführt. Vorher schüttet mir meine Tischnachbarin noch ihr volles Weinglas in den Schoss. Sie entschuldigt sich nicht mal. Als wir vor die Tür treten, sehe ich aus, als hätte ich die Toilette nicht gefunden. Meine Ärmel sind dreckig. Mein Magen voller Fremdkörper. Neben mir steht ein Typ mit knielangen Dread-Locks. So stelle ich mir wirklich kein abendliches Dinner vor.

Belinda’s Story

Es war ekelhaft! Also eigentlich ja nicht, aber irgendwie halt doch, wenn man nicht sieht, wie es aussieht! Ich habe null Vertrauen! Warum soll ich etwas in den Mund nehmen, das ich nicht sehen kann? Ich beiße in ein zähes Teil, warm und von organischer Natur. Ich kann Fasern erahnen. Fleisch! Ich denke: „Augen zu und durch!“

Mich überrascht meine eigene Ungeschicklichkeit. Ich höre ein dumpfes Platschen und weiß schon, dass meine Gabel leer ist und trotzdem muss ich mich wie ein Dummkopf vergewissern, dass dem wirklich so ist und nehme die leere Gabel in den Mund. Zum Glück kann Pezi das nicht sehen. Ich versuche mich auf das Essen einzulassen, rede mir ein, dass es unter „normalen Umständen“ bestimmt gut aussehen würde. Man weiß es aber nicht! Das hat ein „Dinner in the Dark“ so an sich. Und genau da verlasse ich meine Wohlfühl-Zone. Die Challenge erfordert ein gewisses Urvertrauen in andere. In diesem Fall, in den Koch, dem es verständlicherweise scheißegal ist, wie sein Essen optisch serviert wird. Unnötigerweise habe ich im Vorfeld das „Surprise Menü“  bestellt, um uns mit einem Maximum an Unwohlsein zu konfrontieren.

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Das mit dem Urvertrauen fällt mir äußerst schwer. Was ist, wenn da irgendwo ein kleines Haar im Essen lauert? Ein weiterer Faktor, den ich nicht bedacht hatte: man ist körperlich sehr einschränkt. Die Dunkelheit löst ein Gefühl der Enge und des Eingesperrt-Seins in mir aus und ich fühle mich wie in einem Flugzeug auf einem Langstreckenflug, bei dem man 18 Stunden brav auf seinem Platz bleiben muss. Ich mag es gar nicht, in einer Situation festzustecken und fange an zu schwitzen. Hinter mir tastet sich gerade jemand an meinen Schultern entlang und sagt: „Keine Angst, das ist keine Anmache.“ Kurz drauf habe ich eine kalte Hand in meinem Gesicht und zucke zusammen. PEZI!? Sie bepisst sich vor Lachen. Pezis kleiner Scherz reißt mich kurz aus meiner aufkommenden Klaustrophobie und ich überlege, wie ich mich für den Rest des Abends am besten von diesem Gefühl ablenken kann. Deshalb lausche ich ein wenig bei den Gesprächen und Essgeräuschen der Nachbarn. Die neben mir lacht wie ein Zombie. Ungezügelt und asthmatisch. Ich proste Pezi mit dem Weinglas zu und wir versuchen anzustoßen. Irgendwo in der Dunkelheit zerbrechen Gläser – zum Glück nicht unsere.

Wir essen eine ganze Weile verschiedene Gänge und nach zwei Stunden oder so, habe ich mich einigermaßen mit der Dunkelheit arrangiert. Es ist sehr laut in dieser Dunkelkammer. Von überall hört man Gekicher und Gerätsel über das Essen. Je länger der Abend, desto ausgelassener und lauter die Geräuschkulisse. Das alles kommt mir so chaotisch vor. Und ich möchte endlich wieder ins Licht! Pezi scheint kein Problem mit der Dunkelheit an sich zu haben. Bei dem Essen ist sie allerdings auch skeptisch und betastet ihren Teller anfangs immer. Dazu  kann ich mich nicht überwinden.

Gegen das Schwitzen und das zugeschnürt sein, hilft tatsächlich nur der Wein. Irgendwann sind wir auch ein bisschen angeschwipst und ich entspannter. Die Nachspeise wird uns serviert und wir essen voller Vorfreude auf das Ende die verschiedenen Beeren und undefinierbaren Teilchen mit Vanillesauce. Die Erlösung kommt in Form einer Polonaise-Schlange. Allen voran unsere Bedienung, dahinter wir und drei weitere Personen, die sich jeweils an ihrem Vordermann andocken und ab ins Licht schwänzeln. Wenn man den Darkroom verlässt und wieder ins Licht tritt, fühlt man sich voll „geblitzdingst“ und dann stürmen alle Gäste wie von der Tarantel gestochen zu den Toiletten. Im Nachhinein fühlt sich das ganze seltsam abstrakt an – wie ein Filmriss. Alle „Mitesser“ philosophieren über ihre unterschiedlichen Wahrnehmungen. „Ist schon erstaunlich wie‘s schmeckt, wenn das Auge nicht mit isst…“ oder „Nicht sehen, heißt eben anders sehen.“ Diese Dampfplauderei halte ich gerade nicht aus. Ich muss hier weg! Die Dunkelheit schwebt noch über mir. Noch nie war U-Bahn fahren so schön!

Obendrauf kommt nun aber das schlechte Gewissen, weil das „Dinner in the Dark“ eine teure Angelegenheit war und Pezi zwar ihr O.K. für die Kosten gegeben hat, sich aber bestimmt was „Spektakuläreres“ vorgestellt hat. Zugegeben: Für diesen Preis bekommt man auch bei Alfons Schuhbeck schon ein Gericht und das sieht auch noch gut aus:

Alfons

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