Kaugummi & Spätzle

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Belinda’s Story

Ich bin aufgeregt. Ungefähr so aufgeregt wie vor dem Mathe Abi. Woran das liegt? Pezi schleppt mich gerade zu Teil 2 unserer Uncomfort Me Challenge und diesmal bin ich diejenige, die nicht weiß, was sie erwartet. Alles, was ich weiß ist, dass es heute, am Samstag drei Stunden geht und morgen nochmal drei Stunden. Egal was es ist: drei Stunden sind eindeutig zu lange, um in einer unangenehmen Situation festzustecken. Hilft ja nichts. Wir laufen im Schlachthof Viertel in München rum und suchen die Hausnummer 9. Heute geht es angeblich um: schlechte Erinnerungen, Sexyness und Desorientierung. Ich bin mir quasi sicher: das hat nichts damit zu tun, dass wir im Schlachthof Viertel sind…

Eine Frau mit dunklen langen Haaren wurschtelt einige Meter entfernt an ihrem Rad rum. Als sie uns sieht, fragt sie: Salsa?

Salsa? Echt jetzt? Bitte nicht! Ich hasse alles, was mit Tanzen zu tun hat! Ich kann und will mich nicht sexy bewegen!

Da Pezi alle Formen von Geschichten liebt, bin ich mir sicher, dass sie an dieser Stelle die Geschichte aus meinem Sportunterricht zum Besten geben wird, welche sie wohl auf die Idee gebracht hat, mich in einen 6-stündigen Salsa Workshop zu schleppen. Aber Achtung, sie neigt zu Übertreibungen! Auch sie hat ihre Gründe, warum sich „Salsa“ außerhalb ihrer Wohlfühl-Zone befindet!

Naja, jedenfalls gibt es jetzt kein Zurück mehr und obwohl ich aufgeregt und peinlich berührt bin, bin ich gespannt, ob das was wird. (Also ob ich immer noch so untalentiert wie in der 11. Klasse bin) Wir gehen also rein und die Treppen runter in den Tanzkeller. Wir betreten einen großen Saal mit verspiegelter Front. Die anderen Teilnehmer sind schon da und sitzen ziemlich schweigsam rum. Wir sind genau wie beim letzten Mal die Jüngsten. Der Raum ist arschkalt…und die Stimmung seltsam.

Pezi erklärt mir, dass wir Tanzpartner gestellt bekommen und dafür extra mehr gezahlt haben. Jetzt fällt mir auf, dass es einige Pärchen (alle so zwischen 40 und 55 oder so) gibt und noch eine Handvoll Frauen ohne Tanzpartner – uns inbegriffen. Es gibt aber nur einen Mann, der alleine da ist. Den werden wir noch besser kennen lernen im Laufe der Veranstaltung. Er heißt Johannes und ist recht groß, ungefähr 37 schätz ich mal. Kalte Schweißperlen haben sich auf seiner Stirn gebildet. Der hat noch mehr Angst als ich! Der einzige Unterschied ist wahrscheinlich, dass er sich freiwillig hierzu angemeldet hat. Oder er hat den Tanzkurs von seiner Mama geschenkt bekommen….

Es geht los! Die Latino-Lady mit den langen schwarzen Haaren ist die Besitzerin der Tanzschule und wird uns heute die Hälfte der Stunde unterrichten, die andere Hälfte macht ihr Assistent, der „Tanzlehrer“. Er ist leider kein Latino 🙂

dance

Wir üben diverse Grundschritte trocken. Und dann sollen wir paarweise zusammen. Spätestens hier kapieren alle, dass die Anzahl der Teilnehmer nicht aufgeht, geschweige denn der Männchen-Weibchen Anteil nicht ausgeglichen ist. Der „Tanzlehrer“ streckt seine Hand aus und schaut uns Single-Tänzerinnen herausfordernd an. Ich entscheide schnell, das Angebot anzunehmen. Da kann man nicht viel falsch machen. Er hat eine Jeans mit leichtem Schlag an und kaut Kaugummi. Airwaves… Er muss unglaubliche Angst haben einen schlechten Atem zu haben, denn er stopft sich prompt noch zwei Kaugummis rein, bevor er mit mir zu tanzen beginnt. Das Tanzen klappt ganz gut. Pezi tanzt mit der Tanzlehrerin.

Pezi und ich tauschen verheisungsvolle Blicke aus und ziehen jedesmal die Augenbrauen rhythmisch hoch, wenn sich unsere Blicke kreuzen. Ich glaube das ist so eine Art Übersprungshandlung, im Moment sind wir noch ziemlich peinlich berührt. Der „Tanzlehrer“ sagt dauernd, ich soll ihm in die Augen schauen… das ist mir dann doch zu viel. Man kann sich doch nicht einen ganzen Tanz lang in die Augen schauen, also schaue ich immer links an seinem Kopf vorbei und er schaut sich irgendwann selbst im Spiegel an. Wenn er meint… ich möchte mich lieber nicht im Spiegel sehen.

Beim nächsten Wechsel soll ich mit Johannes tanzen. Er hat schon ordentlich geschwitzt. Die Schweißflecken unter seinen Achseln sind mir ein Rätsel, denn auch mit dem Tanzen wird es nicht wärmer in dem Saal. Ich fange an mit ihm zu tanzen und begreife: Er ist wirklich untalentiert. Wir üben eine simple Tanzabfolge ein halbes Dutzend Mal und er bringt mich so durcheinander, dass alles, was ich vorher konnte, plötzlich gelöscht ist. Gegen Ende des Workshops kann ich wegen ihm nicht einmal mehr den Grundschritt. Pezi muss mir kurz auf die Sprünge helfen. Ich sag doch, dieser Typ kriegt nichts auf die Reihe und verwirrt seine Tanzpartnerinnen noch zusätzlich! Zum Glück wird öfter mal getauscht und ich ergreife jedesmal die Chance mit dem „Tanzlehrer“ zu tanzen. Pezi geht es, glaub ich, ähnlich. Nach dem ersten Teil des Kurses fühlen wir uns wahnsinnig sexy und freuen uns schon fast ein bisschen auf den nächsten Tag!

Ich könnte vom zweiten Teil auch nochmal genauso ausführlich erzählen, aber das ist ja langweilig! Johannes ist am zweiten Tag immer noch nicht besser. Eine Single-Tänzerin weigert sich mit ihm zu tanzen. Sie sagt einfach: “Nein, ich glaube das ist keine gute Idee. Wollen Sie nicht lieber mit einer anderen tanzen?“ Das fand ich schon ziemlich gemein und herzlos und so mussten Pezi und ich uns mit ihm abwechseln. Wir lernen noch ein paar Drehungen und Johannes scheitert viele Male. Der „Tanzlehrer“ dreht die Geschwindigkeit der Musik auf ein Minimum. Mit dem Salsa-Feuer wird das so leider nix, schon gar nicht in so einer Kühlkammer! (Heute ist es auch nicht wärmer in dem Raum, irgendwas mit der Lüftung is wohl kaputt.) Die Latino-Lady kommt heute später, lässt sich aber Zeit und platzt dann die letzten 40 Minuten mit ihrem kranken Sohn auf dem Arm rein und entschuldigt sich für die ganzen Umstände für die Single Tänzerinnen und die fehlenden Tanzpartner. Ihr Sohn hat offenbar vorher im Auto geschlafen und soll wohl jetzt  auf dem Sofa in dem Tanzraum weiterschlafen. Natürlich ist er sofort wach und stört den Kurs, weil seine Mama mit ihm „Pipi gehen“ soll. Er ist ungefähr vier. Ab dem Zeitpunkt ist der Kurs gefühlt gelaufen… aber als Entschuldigung für unsere fehlenden Tanzpartner haben wir Single-Tänzerinnen nochmal zwei Stunden extra geschenkt bekommen. Ich weiß nicht, ob ich lachen oder weinen soll 😀

Jedenfalls war die Angst unbegründet. Solange es immer einen gibt, der schlechter ist als man selbst, ist die Welt in Ordnung. Wie war doch gleich der Grundschritt?

 

Pezi’s Story

Ich habe ein paar Monate in Chile gelebt. Aus dieser Zeit habe ich einiges mitgenommen. Einen gebrochenen Zeh zum Beispiel. Oder die Erkenntnis, dass ich keine Spätzle mit Brett und Messer schaben kann. Aber am allermeisten hat sich eine, in mir ruhende, uralte Abneigung verfestigt. Und zwar gegen jegliche Art von lateinamerikanischem Tanz. Wenn man zu einem Chilenen sagt, ‚Tanzen finde ich doof‘ ist das ungefähr so, als würde man einem Münchner erklären, dass man Bier trinken an der Isar ends doof findet. Ich traf also mit meiner Aversion auf völliges Unverständnis. Völliges. Und trotzdem, trotz der täglichen Einladungen zu Dance-Classes, Get-Togethers, Latin-Nights, Dance-Meet-Ups und Cheek2Cheeks habe ich es geschafft, mich die ganzen Monate auf keiner dieser Tanzveranstaltungen blicken zu lassen. Hat mich das zum Aussenseiter gemacht? Ja vielleicht. Whatever.
Was läge also näher, um mich außerhalb meiner Comfort Zone zu begeben als – ja verflucht – ein Salsa Kurs.
Belinda hat mir mal von einer Sportunterrichtsstunde erzählt, in der sie eine Choreografie einüben und anschließend der Lehrerin vortanzen musste. Das sollte eigentlich benotet werden. Nur nicht bei der kleinen Belinda. Die Leherin meinte ihre Leistung wäre so miserabel gewesen, dass ein glatter Sechser die einzige Note wäre, die für diese Performance gerechtfertigt sei. Dann doch lieber gar keine Note. Belinda nahm sich das sehr zu Herzen und diese Schmach lastet bis heute auf ihr. Tanzen ist also gar nicht ihr Ding. Geschweige denn sich halbwegs sexy und stolz zu feuriger, lateinamerikanischer Musik zu bewegen. Ich rede jetzt nicht von angeschickert auf ner Party von einem Fuss auf den anderen hüpfen – das kann sie schon. Aber auch nicht so krass gut.
Was läge also näher, um sie außerhalb ihrer Comfort Zone zu schubsen als – ja und noch mal – ein Salsa Kurs.
Mir blieb also gar keine andere Wahl.
Die erste Demütigung wartet schon beim Anmelde-Formular auf mich. Belinda und ich kommen ohne Parter und zahlen deshalb gleich mal 20 Euro mehr … ich komme mir jetzt schon total desperate vor. Ich bete, dass dieser Kurs bei verzweifelten Single-Männern um die 40, die in ungezwungener Athmosphäre Ladies kennen lernen wollen, kein beliebter Ort ist. Ich bin mir jetzt immer noch nicht sicher, ob das so ist oder nicht. Kann schon sein.
Was macht man jetzt also bei so einem Salsa Kurs? In erster Linie zählt man von uno bis siete. Dabei geht man einen Schritt vor und dann einen zurück. Stufe zwei: Einen Schnitt nach links und dann einen nach rechts. Bereits hier zeigen sich bei den Kursteilnehmern erste Probleme. Aber nicht bei uns beiden. Geil! Stufe drei: Mit Musik! Belinda wirft mir ein „Ich hasse dich!“ zu. Naja, und wenn ich mich so im Spiegel betrachte, Schritt vor, Schritt zurück … ist es schon erschreckend wie Selbstwahrnehmung und Realität auseinanderklaffen. Ich dachte mein Hüftschwung wäre passabel, aber nope, eher diskutabel. Sollte das die einzige Erkenntnis sein, die ich aus diesem Kurs mitnehme? Bitte nicht… Aber da muss ich jetzt durch, zwei Tage lang! Saukalt isses in dem Tanzstudio auch noch.
Über die anderen Kursteilnehmer gibt es eigentlich nicht viel zu sagen. Ein Single-Mann um die 40 ist schon da, allerdings ein außergewöhnlich scheuer. Von ihm geht also keine Gefahr aus. Ein braunhaariges Mädchen zwinkert mir zweimal zu und lobt mein schönes T-Shirt mit der Aufschrifft WIFI. Aber das wars auch schon. Also kein leidenschaftliches Feuer, keine heißblütigen Augenblicke, die ich für das richtige Salsa-Feeling wahrscheinlich dringend nötig gehabt hätte. Der einzige Lichtblick in diesem eisigkalten Tanzstudio ist Alejandro. Unser Tanzlehrer. Alejandro ist gar nicht sein richtige Name. Er ist auch ganz und gar nicht lateinamerikanisch, sondern trägt Schlaghosen-Jeans und ein bedrucktes Shirt. Wahrscheinlich S.Oliver 🙁 Und wenn ich ganz ehrlich sein soll, Aussehen ist jetzt wirklich nicht seine Stärke. Aber für die Geschichte ist es wohl besser, wir belassen es bei Alejandro. Alejandro ist sehr engagiert und geduldig. Und ein kleiner Show Of. Ab und zu gibts ne wilde Drehung zu bestaunen. Da wir zu wenige Männer im Kurs haben, schnappt sich Alejandro zum Vortanzen und Einüben immer eine der Single-Ladies. Ihr könnt Euch sicher vorstellen, der Platz an Alejandros Seite ist heiß begehrt. Und ich sag Euch auch warum: Ja, sobald man sich in die Hände eines begnadeten Tänzers begiebt, schmilzt das Eis. Trotz S.Oliver Shirt. Die selbsbewusstesten, resolutesten Mädels werden zu schnurrenden Kätzchen. Und das ganz freiwillig. Man kann gar nicht anders. Und es fühlt sich auch noch gut an. Man denkt wirklich man könne tanzen. Die eigenen Bewegungen werden butterweich und anmutig. Erschreckend, ich weiß. Und auch nicht besonders cool, das weiß ich auch. Aber vielleicht ist das der berüchtigte Zauber von Salsa. Ja, vielleicht ist das der Grund für hunderte Leute jeden Samstag zu diesen absurden Latin-Nights zu rennen. Dieses Spiel zwischen Geben und Nehmen, zwischen Dominanz und Fallen lassen. Aber vielleicht ist mir auch noch etwas schwindeling von den ganzen Drehungen und Salsa ist das, was ich immer vermutet hab: Totaler Schwachsinn.
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