Nikki & Ronaldo

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Pezi’s Story

Doris leidet unter dem Restless-Leg-Syndrom. Das macht sich dadurch bemerkbar, dass sie unaufhaltsam nervös und zappelig ist. Yoga würde helfen, oder joggen. Joggen findet Doris allerdings zum Kotzen, weil zu anstrengend. Bei Yoga hingegen machen sie die aufdringlich glücklichen und weltverbessernden Yogalehrer so wahnsinnig, dass das auch nicht wirklich zuträglich ist. Kann ich nachvollziehen. Also was tun gegen die rastlosen Beinchen? Am besten mal nix. Aussitzen vielleicht.
Doris meint, dieses Problem hätte seine Wurzeln vielleicht in ihrer Kindheit. Sie war – im Gegensatz zu ihrer kleinen Schwester – ein ziemlich unerwünschtes Kind. Mit Geschwisterliebe und so war nix. Also ging Doris als Jugendliche dann freiwillig in ein Klosterinternat. So wie man sich das vorstellt, mit so krass strengen Nonnen und Fasten und Lineal auf die Finger. Ich frag mich, wer sowas freiwillig macht, aber bitte …  Ihre kleine Schwester war allerdings so neidisch, dass diese dann auch auf die Klosterschule durfte. Alter! Und einzig und allein der Kampf der zwei Schwestern gegen den gemeinsamen neuen Feind – die erbarmumgslosen Nonnen – sorgte für ein bisschen Annäherung. Heute ist ihre Beziehung solala. Ich kenne die Schwester zwar nicht, finde sie aber nach dieser Geschichte auch solala.
Jetzt ist Doris gute fünzig. Kurzes, feines Haar, leicht esoterischer Kleidungsstil. Steht ihr aber ganz gut. Sie erinnert mich ein bisschen an diese durchgeknallte Mutter von Leah Remini aus der Reality-Show auf TLC. Aber in bester Art und Weise. Ganz entzückend quirlig. Außerdem lacht sie über jeden meiner Witze, findet mich wahnsinnig unterhaltsam und meine Geschichten außerordentlich  spannend. Wie könnte ich Doris also nicht mögen.
Ihr fragt euch bestimmt, warum ich Euch das alles erzähle. Völlig zu Recht. Ich hab mich auch gefragt, warum Doris mir das alles erzählt. Immerhin kennen wir uns ja gar nicht. Allerdings hab ich Doris auch ziemlich viele private Details meiner Kindheit erzählt. Ganz freiwillig. Ohne die geringsten Hemmungen. Scheidung der Eltern, Krankheit, Verlust, was weiß ich noch alles.

Restless-Leg-Syndrom >>

Der Abend, an dem ich Doris kennenlerne, beginnt mit einer Runde Bier-Kicker in der Agentur. Bei jedem Tor ein grosser Schluck. Belinda meint, wir brauchen das. Also erst mal in fünf Minuten ein Bier gekippt. Ich bin mit meiner Garderobe nicht so ganz glücklich, weil ich finde, dass Belinda viel schicker angezogen ist als ich und das kann ich gar nicht leiden. Es hilft natürlich auch nicht, dass ich nicht den blassesten Schimmer habe, wo Belinda mich heute Abend hinschleppt. Also rein in die U-Bahn, raus aus der U-Bahn, schon ziemlich angeheitert. Woooohoooooo! Wir stehen vor einem großen Gemeinschafts-Bürogebäde. Impact-Hub! Drinnen stehen etwa 60 Leute – Durchschnittsalter 45 – um ein paar schön gedeckte Tische und erfreuen sich am Begrüßungswein. Ein Pläuschchen hier, ein Begrüßungsbussi da. Mir schwant Böses. Ich denke an Speed-Dating. Igitt. Ich will auch so einen Wein! Oder nach Hause. Zuerst Wein, dann nach Hause. Aber ich will ja nicht total uncool sein und möglichst lässig vor Belinda da stehen. Also bin ich voll motiviert und betrete flotten Schrittes die Location. Erster Fehler: Ich halte einen Gast für die Kellnerin. Kann passieren – weiter gehts! Zweiter Fehler: Ich trinke schon drei Gläser von diesem Begrüßungswein vor dem Essen! Ach ja, Essen! Es ist hier also so, man setzt sich an einen der schön gedeckten Tische und unterhält sich mit seinem Gegenüber, den man vorher noch nie getroffen hat. Bei jedem Gang wird Gesprächspartner gewechselt. Um den Einstieg in die Unterhaltung zu erleichtern, liegen kleine Kärtchen mit interessanten Anregungen auf dem Tisch. Erzähle von einem Traum, der dich dein Leben lang verfolgt, oder erzähle einen typischen Sonntag aus deiner Kindheit – Ihr erinnert Euch an die Klosterschule!
Ich verpeile irgendwie den Startschuss der Veranstaltung und der einzige noch freie Platz ist der neben Belinda und gegenüber von Doris. Mein erster Eindruck war ungefähr so: Och nööööö 🙁 Aber wie ich Euch ja schon erzählt habe, hat sich alles zum Guten gewendet und Doris und ich waren end gut drauf. Manchmal haben wir so laut gelacht, dass es mir schon fast peinlich war. Aber nur fast. Zwischenzeitliche Blicke zu Belinda machten mir klar, dass sie sich wohl nicht ganz so gut amüsiert wie ich. Selber schuld…ich bin halt auch voll super im Geschichten erzählen, besonders nach sieben Gläsern Begrüßungswein!
Von Gang zwei und drei könnte ich jetzt auch noch ein paar Geschichten auspacken. Zum Beipiel von der heiteren Nadine, die im Münchner Rathaus arbeitet und genauso großer Nikki-Fan ist wie ich. Vielleicht kein ganz so großer, aber schon auch. Zumindest singen wir zusammen ausgelassen „Wenn i mit dir Tanz“ und ich beeindrucke sie mit meinem Meet-and-Greet-Foto mit dem bayerischen Cowgirl vom lezten Herbst.

Nikki

Oder zum Beispiel von Gisbert, meinem dritten Gesprächspartner, der seiner rechten Nachbarin deutlich mehr zugetan ist als mir. Ne wilde 70ies-Maus mit demselben ungezähmten Lockenkopf wie Michaela May, die ihren Verlobten – einen saureichen, gutaussehenden Franzosen – kurz vor der Hochzeit sitzen gelassen hat, da sie Ihre Freiheit mehr liebte als ihn.
Aber genug davon. Jetzt gibts erst mal Schnaps. Einen durchaus schmackhaften  Slibowitz – selbstgebrannt vom Großvater der Veranstalterin! Ich beschließe, dass es Zeit ist zu gehen. Immerhin schon neun. Belinda schläft eh schon mit offenen Augen. Ihr Gesprächspartner scheint ne Granate zu sein.

Draußen vor der Tür ist sie aber auf einmal wieder wach und eh ich‘s mich verseh sitzen wir in der Bahn auf dem Weg ins H****. Eine mir bis dato unbekannte Lokalität aber wir sind ja heut irre drauf! Stellt Euch mal eine gemütliche Bar vor, lustige, nette Leute, gutaussehende Barkeeper, leckere Spirituosen, gute Musik … Ja also das ist das H**** nicht. Hier wird noch geraucht! Besser gesagt: gequalmt bis die Schwarte kracht. Aber stört mich nicht. Ich sitze auf einem der wackeligen Barhocker und neben mir schreit so ein glätzköpfiger, kleiner, dicker Mann, der mir von anderen Barbesuchern als der coolste Typ eeeeever angepriesen wird, ununterbrochen „Viva España!“ Ich bestell mir lieber noch Wein und esse ein Fleischpflanzerl. Vorher hat man sich ja gar nicht so getraut zu essen, denn mit vollem Mund darf man ja nicht reden und wie soll sich dann bitte ein Gepräch entwickeln? Während ich so drüber nachdenke, merke ich wie grauenhaft der Wein schmeckt. Aber das nächste Glas ist schon besser. Das dritte ist gar nicht so übel….VIVA ESPAÑA!

Belinda’s Story

Diesen Text zu schreiben, ist saumäßig schwierig. Das letzte Mal, dass ich eine Story mit Höhepunkt und raffinierten Anfang und Schluss geschrieben hab, ist vermutlich 1998 gewesen. Da war ich in der dritten Klasse und damals gab es noch die sogenannte „Reizwort-Geschichte“. Wäre das hier eine „Reizwort-Geschichte“, würde sie diese Schlagworte enthalten: „Bronchitis“, „Ronaldo“ und naja vielleicht noch „Organspender“. Los gehts.

Bronchitis: Ich sitze einer Frau gegenüber, die ich noch nie gesehen hab. Sie ist vollbusig, hat ein extravagantes Oberteil an und trägt ihren Lippenstift etwas zu glossy. „Unseren Sohn Leonhardt haben wir nach Lenny Kravitz benannt“, sagt sie und lächelt stolz. Ich bin erstaunt und frage: „Wie das?“ Damals hatte sie einen Roadtrip mit ihrem Ex-Lover gemacht. Das Land hab ich vergessen, aber darum gehts auch nicht. In dieser heißen und wohl sehr intensiven Phase ihres Lebens hatten sie und ihr Ex-Lover (auch Vater ihres Sohnes) eben viel Lenny Kravitz gehört. Am Ende haben sie ihre Reise in einem Kloster ausklingen lassen. Das klingt für mich weniger romantisch und sie erklärt mir, dass sie enthaltsam in dem Kloster leben mussten. Äh, und wie genau ist der Sohn entstanden? Sie versicherte mir, dass sie während ihres gesamten Kloster-Aufenthalts wirklich enthaltsam gelebt hatten (Verhütungsmittel wie Pille waren auch strengstens untersagt!), doch als sie wieder in die Heimat zurückkehrten, war sie SOFORT schwanger. Sie hatte zwar wieder angefangen, die Pille zu nehmen, doch noch „bevor die Pille ihre Wirkung entfalten konnte“, war sie schon schwanger. Halleluja! Von dieser Geschichte bin ich ein wenig eingeschüchtert. Was soll man jemandem erzählen, der seinen Sohn nach Lenny Kravitz benannt hat, in einem Kloster gelebt hat und sozusagen eine unbefleckte Empfängnis hatte?

Nun bin ich an der Reihe und schaue hilfesuchend auf die Karte mit den anregenden Fragen und Unterhaltungsvorschlägen. Ganz oben steht: „Deine Grundschulzeit – eine besondere Situation – deine Rolle in der Klasse“. Ich sage das Erste, was mir einfällt: “Ich war Klassensprecherin“ und komm mir dabei mächtig dämlich vor. Ich versuche, das Gespräch in eine andere Richtung zu führen. Die elementaren Fragen wie Beruf und Herkunft sind wir schon zu Beginn des ersten Ganges durchgegangen.

Sie ist Physiotherapeutin und liest außerdem aus den Gesichtern ihrer Patienten Charakterzüge und sogar Krankheiten. Das macht mich neugierig und ich frage: „Was kannst du aus meinem Gesicht lesen?“ Sie schmunzelt und überlegt offenbar, wie viel sie mir zumuten kann. „Du hast einen sehr ausgeprägten Gerechtigkeitssinn, bist harmoniebedürftig, das Thema Gesundheit ist dir wichtig und du gibst gerne Geld aus.“  Wegen dem Punkt mit dem Geld fühle ich mich ertappt und nehme erstmal einen großen Schluck Wein, dann hör ich mich sagen: „Ja das könnte hinhauen. Was noch?“ „Du hattest in der Vergangenheit öfters Bronchitis“, behauptet sie. Ich schweige und kratze den letzten Löffel Suppe aus meinem Teller. „Das ist jetzt aber Stuss!“, denke ich mir und hake nach, woran sie das fest mache. „Das sehe ich an den roten Äderchen an deiner Nase.“ Ich exe mein Weinglas, um dem angeblichen Teint meiner Nase gerecht zu werden.

Ronaldo: Ein Tröten leitet den zweiten Gang ein. Ich bedanke mich für das nette Gespräch und wechsle den Tisch zu einem jungen Mann. Er sieht vielversprechend aus und ich grinse. Diskret hebe ich die Hand und gebe dem Helfer mit der Weinflasche zu verstehen, dass ich Nachschub brauche.  Jetzt sitzt Pezi wieder am selben Tisch direkt neben mir. Sie amüsiert sich schon prächtig mit ihrer Gesprächspartnerin.

Von den Veranstaltern werden neue Fragekarten ausgeteilt: „Ein magischer Moment in deinem Leben“ steht diesmal drüber. Es gibt Fingerfood, weil man sich dabei besser unterhalten kann. Das find ich nett, weil man ansonsten wohl ständig dabei erwischt würde, sich ein zu großes Salatblatt einzuverleiben oder ähnliches. Das würde die Ästhetik des Gespräches massiv stören 😉 Mein Gesprächspartner isst gar nichts. Ich ahne, was er gleich fragen wird und verkrampfe innerlich. Er fragt: „Was war ein magischer Moment in deinem Leben?“ Die Frage ist mir zu persönlich und ich mag einfach nicht rausrücken, denn alles, was mir einfällt, ist eher, naja, sozusagen intim. Also erzählt er von seinem magischen Moment. Er hat einen schlimmen Unfall überlebt. Ich weiß, dass ich jetzt nicht mehr um die Frage rumkomme und erzähle, dass ich eine sehr schöne Kindheit hatte. Als mir das bewusst geworden ist, war das sozusagen ein magischer Moment. Sentimentaler Scheiß! Er ist zufrieden mit meiner Antwort und irgendwann kommen wir drauf, dass er ziemlicher FC Bayern-Fan ist. Er ist nicht von hier. Ich frage ob, er einen Lieblingsspieler habe und er sagt: „Ronaldo“. Ich kenn mich ja wirklich nicht mit Fußball aus, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass hier ein Missverständnis vorliegt. Nun schlägt er vor, dass wir ja mal zusammen ins Stadion gehen könnten. Ich verneine sofort. Nun will er ein paar Geheimtipps für München wissen, denn er ist nur noch einige Wochen hier. Also empfehle ich ihm den Botanischen Garten. Ein Fehler! Er möchte mit MIR in den Botanischen Garten gehen. Das wird mir unangenehm. Ich fühl mich eingeengt und überlege, wie ich aus dieser Situation wieder rauskomme. Ich sage „ja gerne“, weil ich es nicht übers Herz bringe, schon wieder „nein“ zu sagen und ich weiß aber jetzt schon, dass das nicht passieren wird. Das ist doch hier kein Speed Dating!? Und natürlich möchte er nun meine Mailadresse. Er tippt sie in sein Handy und ich übersehe (aus Versehen) den Tippfehler in meiner Adresse. Unsere Zeit ist vorbei und ich verabschiede mich in die dritte und letzte Runde.

Organspender: Sekunden später finde ich mich an einem Tisch am anderen Ende des Raumes wieder. Irgendwie geht die Anzahl der Teilnehmer nicht auf und eine Frau und ich sind einem knuffigen Italiener zugewiesen. Macht nichts, ich teile gern. Er lacht sympathisch und ist schon mitten im Gespräch mit uns als doch noch ein Mann, mittleren Alters sich ausgerechnet mir gegenüber setzt. Ich sehe schon an dem Glanz seiner Glatze, dass es kein erfrischendes Gespräch wird und esse meinen Nachtisch. Er hat eine nasale Stimme und ist auch nicht von hier. Wir finden nur schwer ins Gespräch und ich erfahre, dass er Arzt ist. Das find ich ungemein spannend und quatsche nun einfach drauf los und frage ihn, ob er Organspender oder Knochenmark-Spender ist. Er lacht unangehm berührt und sagt: „Du bist aber direkt“. Er ist kein Organspender und findet das auch nicht so gut. Ich ärgere mich darüber, dass er mich nichts über mein Leben fragt und denke mir: „Scheiß drauf, werd ich eben noch direkter!“ Ich frage ihn, ob er Kinder möchte. (Ich vermute mal, er ist hier, weil er Single ist und möchte ihm das unter die Nase reiben.) „Diese direkte Art ist ganz untypisch für deutsche Frauen.“, ist alles was ihm dazu einfällt.

Das Gespräch bleibt natürlich weiterhin unentspannt (Pezi schielt beunruhigt zu mir rüber) und ich bin froh, als der dicke Italiener nebendran anfängt, den ganzen Tisch zu unterhalten. Er erzählt, wie oft ihm im Leben Liebe auf den ersten Blick widerfahren ist, und es ist sehr angenehm ihm zuzuhören und selbst nicht sprechen zu müssen. Er hat sich mehrmals in Asiatinnen verliebt und vertreibt nun japanische Kunst. Irgendwann ist alles gesagt und Pezi und ich beschließen zu gehen und noch weiterzuziehen. Ich bin ganz aufgeregt und hoffe, ihr hat es gefallen.

Und falls ihr euch gefragt habt, ob es wirklich einen Zusammenhang zwischen den angeblichen roten Äderchen auf meiner Nase und der Bronchitis gibt – das hab ich mich auch. Meine Mutter sagt, dass meine Geschwister oft eitrige Mandeln hatten und ich als einzige (ziemlich häufig) Bronchitis. Respect Misses Lenny Kravitz!

 

3 Kommentare

  1. Tim

    Hi Ihr Beiden,

    eine echt coole Idee und ein wunderbares Format. Habe auch die anderen Stories gut gefunden, Belinda. War vielleicht zu spät oder ich zu doof, daß ich Beichten für Anfänger und Euer Salsa-Trauma nicht gesehen habe. Salsa find ich auch ein Grauen, Beichten – tja, da fängt man echt an zu Grübeln, super Idee. Eure Speed-Dating-Story find ich großartig, super coole Aktion. Bin echt gespannt, was Ihr demnächst erleben werdet…… . Und wenn Ihr für Irgendwas ggfs. Unterstützung zum Ausbruch aus der Comfortzone brauchen könntet, gebt Bescheid….

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