Popcorn und Pflaumen

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Belinda’s Story

Pezi zwingt mich ihre Einladung zur heutigen Challenge vor der Kamera vorzulesen. Dabei filmt sie mich direkt neben einem Gebäude. Darauf steht „Tierkrematorium“. Alter, TIERKREMATORIUM!! Sofort male ich mir wilde Szenen aus: Ich will keine toten Tiere beerdigen oder diese für eine widerliche Verbrennung vorbereiten und auch keine Angehörigen trösten müssen! Das kann ich nicht! Pezi, das kann doch nicht dein Ernst sein! Ich habe den Verlust meiner geliebten Quallen noch nicht überwunden… sie sind jetzt im Animal-Himmel. Zum Glück haben wir uns am Ende doch mit lebenden Tieren beschäftigt…

Eine Stunde später sitze ich vor einem Foto eines Katers. Pezi auch. Bolle (so heißt der Kater) schaut stolz in die Kamera. Ein bisschen von oben herab. Ich mache mir Notizen… Immer wieder nehme ich „Verbindung“ zu Bolle auf. „Popcorn!“ Wie aus dem nichts schreit dieses Wort in meinem Kopf. Ich habe keine Ahnung wo es herkommt und will es schon bei Seite schieben, notiere es dann doch… ich halte mich an den Leitfaden und stelle eine Frage nach der anderen. Komisch – Pezi macht sich keine Notizen – sie schaut mich an und schüttelt immer wieder, fast unmerklich den Kopf. Ihre genervte, schlaffe Haltung lässt nichts Gutes erahnen, dabei hat sie doch das Foto von „Tante Erna“ bekommen, eine ganz hübsche Katze! Da wird ihr doch was einfallen! Ich mache mich nun von allen Gedanken frei und stelle meine Antennen auf Empfang, so zumindest besagt es die Anleitung! Mein Schwatz mit Bolle nimmt unwillkürlich seinen Lauf. Ok, zugegeben ich hab mich etwas hinreißen lassen… Wer kann da schon widerstehen?

Ich: Hallo, wir werden uns heute unterhalten. Ist das OK? Wie gehts dir so? Irgendwas spannendes passiert in deinem Leben?
Bolle: Ich habe was im Keller angestellt!
Ich: Aha, cool! Was denn?
Der eingebildete Pascha antwortet mir nicht (Das solle man respektieren). Der Leitfaden besagt nun die nächste Frage zu stellen:

Ich:  Und was frisst du so?
Bolle:
Katzensticks!
Das ist eindeutig, ok.

Ich:  Schmeckt dir dein Fressen?
Bolle:
Es ist nicht genug!!!
Surprise.
Bolle: Ich mag keine Milch.
Hä? Ok– das hätte von mir kommen können…

Ich:  Tut dir was weh?
Bolle:
Nö, aber meine Schnurrhaare sind nicht mehr die Jüngsten.
Ok, verstehe, hab auch schon ein paar silberne Haare.

Ich:  Hängst du heute noch ab oder wie?
Bolle:
Ja, ich chill mich später auf einen warmen Stein in der Sonne.

Ich:  Würde ich auch machen an deiner Stelle! Na gut Bolle, war schön mit dir zu quatschen, ich muss jetzt leider die Verbindung kappen! Ciao Tschüssi! Ich wünsch dir einen schönen Tag!

Nach den letzten 15 min im Seminar „Tierkommunikation“ ist klar wir haben es hier fast ausschließlich mit Ein-Herz-Für-Tiere-Leser zu tun, die  alle die Gabe besitzen mit Tieren via Foto zu kommunizieren… Reih um wird berichtet, was den Tieren auf der Seele brennt, wo es zwickt und was sie sich wünschen. Ob es jetzt Pflaumen, Karotten oder mehr Streicheleinheiten sind. Ganz egal! Was da gerade passiert ist schon seltsam. Die sind alle davon überzeugt gerade wirklich kommuniziert zu haben!! Es gibt nur ein paar wenige, die skeptisch sind. Alle berichten inbrünstig und sind hypnotisiert von den Erzählungen. An sich ist jeder einzelne Teilnehmer bestimmt ein netter Mensch, diese geballte Ladung an Naivität ist allerdings gruselig. Aber kein Grund für mich den Schwanz einzuziehen!

Ich beschließe jedenfalls auch von meiner allerersten „Verbindung“ mit einem Tier zu erzählen. Wir haben uns schon als Buße-tuende Christen und absichtslose Kuschler ausgegeben – die Tarnung darf jetzt nicht aufliegen! Ob man das jetzt Tierkommunikation oder Phantasie nennt, ist mir völlig schnuppe. Außerdem möchte ich Pezi ein wenig aufheitern. Klappt nicht! Sie schämt sich für mich und dass ich bei der ganzen Nummer mitmache. Tzzz! So ist nun mal die Challenge! Die Seminarleiterin hat auch gleich eine Antwort auf meine spontane Popcorn-Eingebung parat: „Ja, der Bolle war das letzte mal ganz wild auf Verpackungsmaterial!“ Mhm… ist ja fast das gleiche! Für Pezi wird es immer schlimmer, sie ist enttäuscht und gelangweilt (sie dachte bei der Anmeldung, wir würden an echten Tieren praktizieren), zum Glück kann sie sich immerhin noch über die Teilnehmer amüsieren. Schräge Katzen-Ladies, burschikose Pferdebesitzerinnen, treue Hundefans…

Auf jedenfall waren sich alle Teilnehmer, die ein Foto von Bolle bekommen haben einig: er ist ein kleiner Pascha, eine eitle Diva – nein, ein liebevoller Chameur! Mensch, wenn der wüsste, dass er regelmäßig für dieses schaurige Event herhalten muss. Und jetzt mal ne blöde Frage: Wie bitte soll er sich denn mit fünf Leuten gleichzeitig unterhalten? Selbst die Tierkommunikation kennt Grenzen!

Bevor man Verbindung zu einem Tier aufnehmen kann, muss man sich dem Thema in verschiedenen (für uns fragwürdigen) Schritten nähern: Alle Teilnehmer sollen sich Farben „schicken“. Dabei stehe ich Pezi gegenüber und sie denkt an eine Farbe und drückt dann meine Hand. Dann soll ich ganz intuitiv sagen, welche Farbe mir just in dem Moment in den Sinn kommt. Ich bin nur leider immer davon überzeugt, dass Pezi mir Pink schickt… und es ist immer falsch. Umgekehrt klappt es schon besser… Zufall? Fiktion? Oder Wirklichkeit?

Eine weitere absurde Übung war das „Erfühlen“ von schlechten Nachrichten! Wir durften unsere Hand auf vier verschiedene Briefumschläge legen und fühlen, ob die darin enthaltenen Botschaften positiv oder negativ sind. Die Chancen standen fifty fifty. Welche Überraschung: Die Hälfte hatten wir richtig. Ich war so neugierig und hab ganz frech in einen Briefumschlag gelugt, den ich fälschlicherweise als negativ „gefühlt“ hatte: Darin war ein Zeitungsschnipsel mit der Meldung, dass irgendjemand ein Tennisturnier gewonnen hat. Kein Wunder. Warum sollte ich dass auch als positiv wahrnehmen?!

Viele Teilnehmer sind zutiefst berührt von der ganzen Thematik und wollen alles ganz genau wissen. Wie man zum Beispiel ein entlaufenes Tier wiederfindet. Die Leiterin erklärt, dass das die höchste Kunst sei und es wirklich ganz schwierig sei. Sie pendle dabei über google maps… Pezi und mir fehlen die Worte. Die Dame neben uns scheint auch nicht mehr überzeugt zu sein.

Pezi und ich sind völlig erfüllt von der Abstrusigkeit dieses Seminars, die Kosten wurden natürlich an das Tierheim gespendet. Beim Hinausgehen fängt uns noch so ein charismatischer, ehrenamtlicher Rentner ab und wir unterschreiben ad hoc eine Tierpatenschaft. Er erzählt von dem Affen von Justin Bieber. Der wurde am Flughafen vom Zoll abgefangen, weil er keine gültigen Papiere hatte. Und dann stand in einer Zeitung, dass der Affe sich im Tierheim München befinde. Bieber-Fans kamen in Scharen, nur um diesen Affen zu sehen. Mittlerweile ist er aber nicht mehr im Tierheim (aus Sicherheitsgründen?) Keiner weiß, wo er jetzt ist. Außer die Seminarleiterin vielleicht, die muss ja nur kurz das Pendel über google maps cruisen lassen!

Pezi’s Story

Ich hatte in meinem Leben schon eine ganze Latte an Haustieren. Einen Hamster namens Snoopy, Elvis den Nymphensittich, eine schwarze Katze, die wir nach dem Grashüpfer aus Bine Maya benannt haben, da sie an unregelmäßigem Wachstum litt und ihre Hinterbeine länger waren als die vorderen. Oder Knödel, einen rundlichen, semmelblonden Kater, der mit Vorliebe die Farbe von Digitalfotos geleckt und mein Duschgel gefressen hat. Ihr seht, mit der Fauna bin ich vertraut.

Und als ich uns für unseren neuesten uncomfortme-Workshop angemeldet habe, war ich auch noch richtig guter Dinge.

Belinda und ich sind mit dem Rad unterwegs zur geheimen Location. Ein wunderschöner Sommertag, ein laues Lüftchen, wir sind chillig drauf. Ich weise Belinda an, ihr Fahrrad abzustellen, denn wir haben unser Ziel erreicht. Da Belinda bis jetzt immer noch nicht weiß, was sie erwartet, ist die Stimmung plötzlich bedrohlich schnell am kippen. Belinda nimmt ungläubig die umliegende Gegend in Augenschein und bricht unvermittelt in Tränen aus. Diese Reaktion scheint mir doch etwas übertrieben, in Anbetracht der Tatsache, das wir an einer Landstraße mit einbiegendem Feldweg stehen. „Spinnst du jetzt? Also das schaff ich wirklich nicht! Ich leiste keine Sterbehilfe! Müssen wir das wirklich machen? Leute über den Verlust ihres Haustieres hinweghelfen?“ Ich bin mit der sichtlich mitgenommen und mittlerweile zitternden Belinda etwas überfordert. Davon abgesehen, dass ich keinen blassen Schimmer hab, wovon sie redet. Erst als mir bewusst wird, dass wir zufälligerweise direkt vor einem Tier-Krematorium angehalten haben, verstehe ich die Panik in Belindas Augen. Ich versuche sie zu beruhigen, ihr klarzumachen, dass das Krematorium nicht unser Ziel ist, aber sie glaubt mir nicht, weil ich während meinen Beteuerungen auch immer so lachen muss, was im Nachhinein betrachtet natürlich nicht so cool ist.
Ist ja schon mal super angelaufen, dieser Nachmittag …

Der oben genannte Feldweg führt uns zu unserem eigentlichen Bestimmungsort, dem Münchner Tierheim. Die Aussicht auf ein paar Schildkröten, die sie streicheln kann und auf die Affen, von denen ich erzähle, heben Belindas Laune Gott sei Dank schnell, so dass wir frohen Mutes das Tierheim betreten können.

Wir nehmen heute an einem Schnupperkurs für Tierkommunikation teil. Da ich wie gesagt mit der Fauna vertraut bin, erhoffe ich mir heute eine spannende Erkenntnisreise, an deren Ende ich mit einer süßen Katze (oder von mir aus auch einem Kaninchen) im Schoß gemütlich abhäng und wir über Berührung, Gestik und Körperhaltung einen Weg gefunden haben, uns zu verständigen. Klingt doch realistisch.
Wie sich aber raus stellt, sind die Ziele hier in diesem Workshop andere. Aber dazu später.

Der kleine Raum, in dem wir uns zusammengefunden haben, ist bis auf den letzten Platz mit „der geistigen Welt zugeneigten“ Hundebesitzern gefüllt. Irgend so ein scheiß Rauhaardackel kläfft ununterbrochen und die zwei Besitzerinnen – Zwillinge, die mich stark an die Golden Girls erinnern – kriegen den Köter einfach nicht unter Kontrolle. Der Rest beäugt die Szenerie mit abschätzendem Blick. Der einvernehmliche Gedanke ist offensichtlich: Ein Gespräch mit dem Vieh wird hier auch nichts mehr bringen. Der Zug ist abgefahren. Die Golden Girls haben schon lange vorher versagt.

Unser Coach, eine wirklich sehr herzliche und sympathische Frau, wird von ihrer Tochter unterstützt, die sich auch der Tierkommunikation verschrieben hat. Laut eigener Aussage hätte sie – im Gegensatz zu allen anderen Erwachsenen hier – nie verlernt mit Tieren zu sprechen. Für sie sei das ganz normal, wie für alle Kinder(?). Aha, danke dafür. Aber ich mag die beiden. Ich mag sie wirklich. Gute Mädels.
Und es tut mir im Herzen weh, i m   H e r z e n   w e h , als unser Coach als Einleitung erzählt, wie sie vorgeht um vermisste Tiere aufzuspüren. Nämlich mittels Fern-Telepathie (das Tier verrät ihr manchmal, wo es sich versteckt hält) oder sie pendelt über Google Maps. Pendelt. Über Google Maps.
Ich hab so gehofft, dass das heute in eine gute Richtung läuft, aber nach dieser Story weiß ich, das geht hier den Bach runter.

Wir machen erst mal ein paar Runden energieflussblockadenlösende Meditation und schicken uns Farben hin und her. Das könnt ihr gleich mal selbst ausprobieren: Nehmt Euch an den Händen, denkt ganz fest an eine Farbe, schickt sie rüber und euer Partner empfängt nun diese Farbe.
In etwa so: Belinda: „Gelb?“, ich: „Ne, Blau“. Ich: „Rot?“, Belinda: „Welches Rot?“, ich: „Weinrot?“, Belinda: „Ne, war Grün.“. Ich: „Ok, jetzt ganz fest!“, Belinda: „Orange?“, ich: „Ich hasse Orange!“ Belinda: „Ich glaub wir sind einfach zu blockiert…“.

Nach diesen einführenden Übungen geht es nun endlich an unser erstes Tiergespräch. Ich freue mich schon end auf die ganzen süßen Kätzchen und Kaninchen die, wie ich vermute, aus den umliegenden Tierhäusern angekarrt werden. Doch meine Hoffnungen werden schnell zerschmettert und ich verliere jeglichen verbliebenen Glauben an die Sache, als – in abgegrabbelte Klarsichtsfolie eingelegte – Fotos von Katzen, Hunden und Pferden verteilt werden. Wie bitte?! Mit diesem blöden Foto soll ich jetzt sprechen? Ernsthaft? Mit dem Fooootooooo? Ich bin schwer enttäuscht und gebe mir keine Mühe das zu verbergen.
Alle anderen sind aber Feuer und Flamme. Ist mir schleierhaft. Wir bekommen ein paar einfache Fragen an die Hand, die uns den Einstieg in das Gespräch erleichtern sollen: Wie geht es dir? Was frisst du gerne? Wo bist du gerade? Tut dir was weh? Und eine Warnung: Wir dürfen auf keinen Fall vergessen, das Gespräch standesgemäß zu beenden, sonst kann es sein, das uns das Tier im Nachhinein noch mal heimsucht! Einige Teilnehmer nicken sich bedeutungsschwanger zu und ich möchte am liebsten meine Hände über dem Kopf zusammenschlagen.

Sofort sind alle hoch konzentriert über ihre Fotos gebeugt. Mir fällt auf, dass mehrere Teilnehmer ein und dasselbe Foto vor sich liegen haben und ich habe kurz Mitleid mit dem armen Tier, dass nun von allen Seiten mit langweiligen Fragen gelöchert wird. Wie soll sich denn so ein anständiges Gespräch entwickeln?
Ich lege also auch meine Hände auf das Abbild der Katze mit dem wohlklingenden Namen Tante Erna und versuche herauszufinden was das Vieh am liebsten frisst. Irgendwas mit Käse? Oder Katzenfutter? Ja, Katzenfutter!

Endlose Minuten später dürfen alle von Ihren Gesprächen berichten. Gottseidank, wir können aufatmen, alle Tiere haben berichtet, dass es ihnen gut geht. Ein Pferd zwickts am rechten Hinterbein, aber nicht schlimm. Die Katzen essen am liebsten Würstel. Ein Hund liegt gerade auf einer Wiese und genießt die Sonne. Ein anderer spielt gerne mit einem Ball. Ich kann mich nicht überwinden etwas beizutragen, denn ich habe das Gefühl in der dümmsten und lächerlichsten Unterhaltung ever festzustecken. Das ist wirklich das Bescheuertste was ich je gehört habe! Ich schäme mich.
Und noch mehr schäme ich mich, als Belinda – meine partnerin in crime – voller Euphorie und mit strahlenden Augen anfängt vorzutragen, dass ihr Gesprächspartner ein witziger, frecher Kater wäre, der gerne Menschen um den Finger wickelt. Ein Charmeur! Er wohnt in den Bergen. Am liebsten frisst er Popcorn. Oder Styropor. Und er hätte mal was im Keller angestellt, was noch keiner entdeckt hätte, was ihn freuen würde, den alten Satansbraten.
Ähh …what. the. fuck?? Was ist denn jetzt kaputt?? Unser uncomfortme-Projekt hat endgültig seinen Tribut gefordert. So leid es mir tut, bei Belinda hat’s im Oberstübchen ein paar Lichter ausgeknipst. Das haben wir jetzt davon.
Alle, die Belinda kennen, sollten sich jetzt von ihr verabschieden. Sie wird nie mehr die Alte sein.

Als wir das mittlerweile miefige Zimmerchen verlassen und in die strahlend helle Nachmittagssonne treten, bin ich immer noch ganz bestürzt. Schnell setze ich meine Sonnenbrille auf. Belinda muss auf Klo. Gott sei Dank. In der Zwischenzeit werde ich von einem Tierheim-Mitarbeiter aufgelesen, der meine Desorientierung anscheinend bemerkt hat. Er nutzt die günstige Gelegenheit, mir eine Patenschaft für das Tierheim schmackhaft zu machen. Es dauert nicht lange und ich unterschreibe den Dauerauftrag. Hat’s also am Ende doch noch was Gutes, dieser Ausflug ins Krematorium.

Und wo ist jetzt eigentlich dieser Justin Bieber Affe?