Stabheuschrecken & Showgirls

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Pezi’s Story

Ich wache mitten in der Nacht auf. Kalter Schweiß steht mir auf der Stirn. Kurz bin ich verwirrt. Ich überlege, warum ich so ein mieses Gefühl habe und ganz durcheinander bin. Dann fällt’s mir wieder ein: BELINDA!!! Grrrrrrr … Wie kommt sie dazu hinter meinem Rücken mit MEINEN alten Freunden und verflossenen Lieben WhatsApp-Nachrichten zu schreiben, in denen sie sich über mich lustig macht!!! Wie kann sie mich nur so hintergehen?! Ich fühle mich einsam, ausgegrenzt, verraten, leer. Es ist grauenvoll. Die späte Erkenntnis, dass das alles nur ein Traum war, macht die Sache auch nicht besser und ich beschließe, Belinda am nächsten Morgen auf diese Unverfrorenheit anzusprechen. Verständlicherweise findet sie das ganze nicht so dramatisch wie ich – ist ja auch nie passiert, war alles nur geträumt …

Was ist also passiert? Ich muss ganz von vorne Anfangen:
Es ist mal wieder Feierabendbier-Kicker-Zeit in der Agentur. Obwohl Belinda und ich noch was vorhaben (von dem ich natürlich wie immer nicht den geringsten Schimmer habe), spielen wir mit. Belinda ist der Meinung, wir brauchen eh ein Bier zum locker werden – und aus dem einen Bier werden schnell zwei. Jetzt aber ab durch die Mitte!
Wir fahren zum Leonrodplatz. Da ist ja eigentlich tote Hose. Bis auf – und als ich das Schild entdecke bin ich nicht wirklich überrascht – die Poledance Academy … Belinda meint, das Wort Academy hätte sie überzeugt, das würde professionell und nicht nach schummriger Tittenbar klingen. Und irgendwann kämen wir eh nicht mehr drumrum. Recht hat sie. Von außen sehe ich schon die verheißungsvoll silber-glitzernden Stangen und eine lila Diskokugel durchs Fenster. Ich mache mich auf eine Probestunde „sexy Räkeln“ gefasst. Yeeehaa! Alles in dieser Academy ist Lila. Alles. Sogar der WC-Stein in der Toilette oder die Seife aus dem Spender. Der Spender selbst natürlich auch. Ich bin froh, dass wir keinem Jungesellinnenabschied mit peinlich angesäuselten Hühnern begegnen. Hätt‘ ja sein können.

Nachdem wir uns in unsere Sportklamotten geschmissen und sich jeder neben einer der Stangen positioniert hatte, stellen wir ziemlich schnell folgende Punkte fest:
1. Die gegenüberliegende Spiegelwand zeigt klar und deutlich: Sexy wird das wahrscheinlich heute eher nicht :/
2. Mit ein bisschen Räkeln ist‘s hier nicht getan. Schon die 20-minütige „Aufwärmrunde“ verlangt uns alles ab und bringt uns an unsere körperliche Grenzen!
3. Das Bier war eine saublöde Idee.

Eine Stunde später sind Belinda und ich am Ende. Wir trinken aus dem Wasserhahn wie zwei Kamele. Aber – keine Ahnung – irgendwie sind wir auch ein bisschen angefixt und deswegen stehen wir ein paar Wochen später wieder in der Academy, diesmal zur ersten Stunde unseres Beginner-Kurses! Wooohoo! Zusammen mit acht anderen Mädels lernen wir in den nächsten Wochen sexy um die Stange zu laufen, irre Drehungen, elegant an der Stange hochzuklettern, über Kopf-Figuren und einiges Spektakuläres mehr. Jedes mal bringen wir die schlimmsten blauen Flecken und den derbsten Muskelkater mit nach Hause. Chat-Nachrichten wie „Ich sterbe!“, „Scheiße, mir tut alles weh“ oder „Mein Knie ist blau und ich passe nicht in meinen Schuh“ sind an der Tagesordnung. Gott sei dank ist die Kurze-Hosen-Zeit vorbei. Ich wüsste nicht wie ich meine geschundenen Beine verstecken sollte :[ Habt ihr Black Swan gesehen?

Ich sag Euch eins: Poledance ist der krasseste Sport ever! Da kann man Völkerball oder Ping Pong oder Cricket sowas von vergessen! Wer uns nicht glaubt, kann gerne mal versuchen, sich eine Stunde lang auf Zehenspitzen zu stellen, das ist nämlich Grundvoraussetzung fürs Pole! Nennt sich „auf halber Spitze“ und tut schon nach 10 Minuten weh.
Und das Beste ist: Während man einarmig an der Stange hängt – von Schmerzen gepeinigt – muss man natürlich wunderschön aussehen. Anmutig wie eine Katze und biegsam wie eine sexy Schlange. Gut, wir sind eher so anmutig wie Koalabären und so biegsam wie Stabheuschrecken, aber an diesem Punkt arbeiten wir noch.
Belinda entwickelt eine merkwürdigen Affinität zu diesen pornösen Poledance-Heels und will ständig welche anprobieren, traut sich aber nicht. Wir können uns auch nicht dazu durchringen in „Unterhosen“ zu tanzen, obwohl es bei unserer Trainerin echt kess aussieht. An diesem Punkt arbeiten wir auch noch.
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Nach sechs Wochen haben wir nun unseren Anfängerkurs erfolgreich abgeschlossen. Gleich am Tag darauf haben wir uns für den Nachfolge-Kurs eingeschrieben. Das Ende der (vorsicht Wortspiel!) Fahnen-Stange ist also noch nicht erreicht!

Gut und was hat das jetzt mit diesem grauenvollen Traum auf sich? Also in der zweiten Stunde klettern wir das erste Mal die Stange hoch:  Ein Bein rumschlängeln, anderes Bein hinterher, mit einer sexy „Würgebewegung“ (das hab ich mir nicht ausgedacht!) den Körper an die Stange pressen, oben bisschen Hintern wackeln und mit der Hand rumwedeln, ins Plié und wieder runter. Klingt doch easypeasy. Allerdings bin ich die EINZIGE aus dem ganzen Kurs, die es nicht schafft, sich an der Stange zu halten. Selbst mit Hilfe unserer geduldige Lehrerin schaffte ich es nicht. Das ist mir extrem peinlich. Ich bin verzweifelt und fühle mich gedemütigt, ausgegrenzt. In der selben Nacht habe ich den besagten Traum. Ihr erkennt die Parallelen, nehm‘ ich an. Die ganze Woche habe ich Angst vor der nächsten Stunde und überlege, wie ich mich in Notfall – bei erneutem Versagen – möglichst unauffällig aus dem Kurs schleichen kann. Zum Glück stellt sich heraus, das meine supergeschmeidige Leggins der Knackpunkt war, denn in der nächsten Stunde trage ich kurze Hosen und es klappt ganz wunderbar. Mit fällt ein riesen Stein vom Herzen und in dieser Nacht schlafe ich wie ein Baby – allerdings mit kühlenden Tüchern zwischen den Oberschenkeln.

„The war between the sexes is over. We won the second women
started doing pole dancing for exercise.“

Ryan Golsing in „Crazy, Stupid, Love.“

ryan

Belinda’s Story

Ich wohne quasi über einem ehemaligen Table-Dance-Lokal. Benannt nach einem Vergnügungsviertel in Paris mit Moulin-Rouge-Aufmachung. „Ehemalig“ weil nur noch die Einrichtung übrig ist, sprich eine verspiegelte Ecke mit einer Stange. Showgirls gibt es schon lange keine mehr. Außer zur Wiesn-Zeit. Da wird eine Ausnahme gemacht. Für einen Absacker in dieser Lokalität bin ich immer zu haben und so kam ich letztes Jahr in den Genuss eine Animierdame zu sehen. Jedenfalls meinte eine Freundin neben mir während dieser Show, dass die Girls nix drauf haben und nur mit dem Arsch wackeln und dass sie das auch könne. Das kann ich von mir nicht behaupten. Das ist, wie wenn man im Museum vor einem abstrakten Gemälde steht und sagt „Das kann ich auch“. Dann hat man’s einfach nicht kapiert, dass es nicht darum geht, ob man es „theoretisch“ kann.  Niemals könnte ich jetzt aufstehen und da rumtanzen. Ich merke wie unwohl mir bei der Vorstellung wird…

So viel zur Vorgeschichte. Pezi ist wie zu erwarten nur semi begeistert als wir vor dem Eingang stehen und sie das Poledance Academy-Schild liest. Ich hab uns dort für eine Probestunde angemeldet. Eine Horde Mädels kommt aus dem Trainingsraum, durchgeschwitzt, nur mit Unterhosen und knappen Tops bekleidet. Wir haben keine kurzen Hosen dabei und ein bisschen Schiss, dass wir am Ende auch in Unterhose tanzen müssen. Die Trainerin amüsiert sich insgeheim über die Befangenheit der Kursteilnehmerinnen und übertreibt ein wenig in Worten und Darbietungen. Sie erklärt uns, wie effektiv dieser Sport beim Muskelaufbau ist und dass ihr Freund, der „ordentlich Saft hat“ sich nicht mit ihr anlegt, weil sie viel stärker ist als er. Alles klar! Was mir auf die Nerven geht, ist die lila Corporate Identity. Bäh soviel Lila überall: von der Isomatte bis zur Klobürste alles lila! Lila muss die Poledance-Farbe schlechthin sein.

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Alle Bilder: Lila, lila, und nochmals lila. Rechts: Pezi ist begeistert von männlichem Poledance-Star!

Es wird aufgewärmt und wir kommen langsam in Kontakt mit der Stange. In der Agentur haben wir extra noch ein Bier gekippt, um genau jetzt die Hemmungen fallen lassen zu können. Klappt auch nur in der Theorie … Wir lernen ein paar Basics, wie laufen um die Stange auf Zehenspitzen. Auf Zehenspitzen und zwar die ganze Stunde! Nun, Höhepunkt der Stunde ist eine Drehung, die sich „The Diamond“ nennt. Wenn man alles richtig macht, dreht man sich selbst zwei bis dreimal um die Stange und landet mit den Knien am Boden. Sieht spektakulär aus, zumindest bei der irren Trainerin. Daneben sehen wir mit unseren schwachen Ärmchen und der nicht vorhandenen Körperspannung ziemlich blöd aus. Die Stunde is auch schon rum bevor sie richtig angefangen hat und dann kommt ein Gefühl, dass ich wirklich noch nie bei einer Challenge hatte: Ich verspüre das Verlangen, diese Diamanten-Figur zu perfektionieren. Hä? Ich versteh mich nicht mehr. Ich trau mich gar nicht, mir das einzugestehen.

Zwei Tage später: Unsere Knie schmerzen und sind ganz aufgeraut. Muskelkater inklusive. Aber Pezi und ich sind irgendwie on fire! Sexyness, Hemmungen, hin oder her, wir reden uns ein, dass wir die Muskeln, die man beim Poledancen aufbaut, gut brauchen könnten.  Wir buchen gleich einen kompletten Kurs und kaufen uns halbwegs kurze Höschen. In den nächsten Wochen lernen wir eine komplette Choreo mit elementare Grundschritten, aber auch richtig coolen Tricks und wilden Figuren. Die Trainerin erklärt ziemlich anschaulich, wie man eine Bewegung ausführen muss: „So als würdet ihr die Stange lecken“ oder „das muss sich wie Brennessel an den Oberschenkeln anfühlen, das sollte man aber nicht zur Schwimmbad-Saison machen,  sieht sonst aus wie missbraucht“ oder „eine Würgebewegung“. Für alle die jetzt falsche Bilder im Kopf haben: Sieht das jetzt so aus wie im Stripclub? Nein! Es ist sehr viel sportlicher. An der Dynamik und Schwerelosigkeit müssen wir noch arbeiten, meistens geht uns zu schnell die Kraft aus. Nach einer nicht so erfolgreichen Stunde für Pezi (sie hat es nicht geschafft, die Stange hochzuklettern), bekomme ich am nächsten Tag eine WhatsApp-Nachricht, die zeigt, dass grundlegende Ängste bei ihr ausgelöst wurden:

uncomfortme Poledance Panik
Pezis Alpträume

In der nächsten Stunde schafft sie es dann doch und alles ist wieder gut, bis auf die blauen Flecken an den Beinen. In der letzten Stunde geben wir unser Bestes. Wir machen sogar ein Video von unserer Performance. Es sind Welten zwischen dem, wie es sich anfühlt und dem, wie es am Ende tatsächlich auf den Videos aussieht. Wenn man Angst hat, die Grenzen seiner Weiblichkeit zu entdecken oder unverschämt sexy zu sein, dann sollte man sich NICHT näher mit dem Thema Poledance befassen. Für die Leute, die uns nicht kennen: Nein, wir haben kein Problem mit unserer Weiblichkeit =)

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