Weltschmerz & Whoopi

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Belinda’s Story

Heute geht’s mir nicht gut. Aus persönlichen Gründen. Sagen wir mal so: Mein Haustier ist über Nacht überraschend verstorben und ausgerechnet heute Abend schleppt mich Pezi wieder auf eine unserer Uncomfort Me-Veranstaltungen. Schlechtes Timing, naja wird schon werden – dachte ich.

Einige Stunden später… Ich sitze in einem Stuhlkreis und starre auf ein Arrangement aus Blumen, Kerzen und Tüchern. Das erinnert mich an Wortgottesdienste oder eine Selbsthilfegruppe. Den obligatorischen Teller mit Keksen sehe ich jedoch nicht. Ich habe null Bock und konzentriere mich darauf, tief in den Bauch zu atmen. Das hilft angeblich bei Stress. Richtig aufgeregt bin ich heute nicht, eher melancholisch. Einfach nicht in der richtigen Stimmung.

Es geht los! Die 40 Teilnehmer stehen auf und eine Frau mit Gitarre fängt an zu singen. Ich traue meinen Ohren nicht: „Heit geht’s ma sau guad, d’Sunn scheint auf mi herunter, heit geht’s ma sau guad – dubidua“. Sie gibt nun der Gemeinschaft ein Zeichen und alle stimmen mit ein. Der Dialog in mir beginnt, die Stimme in meinem Kopf äfft auf bayrisch nach: „Aber heit gehts ma gar ned sau guad!“ Ich konzentriere mich wieder. Sie singt also vor und wir sollen nachsingen?! Ok, das schaff ich! Ich versuche mich darauf einzulassen. Vielleicht lässt sich meine schlechte Laune ja wegsingen. Alle sind mega happy! Das ist zum Kotzen.

Nach vielen „dubiduas“ und Wiederholungen fragt eine Dame, die offensichtlich auch zum ersten Mal hier ist: „Wird heute nur auf bayrisch gesungen?“ Die Gitarrenlady übersetzt ihr die bayrischen Verse: „Heute bin ich schweinemäßig gut drauf, die Sonne scheint auf mich herunter“ und so weiter und so fort. Diese Interpretation gefällt mir und ich fange an, Spaß zu haben. Ich bin schon etwas weniger melancholisch. Wenn man 20 mal „Heit geht’s ma sau guad“ singt, na dann glaubt man das irgendwann. Ist wie eine Gehirnwäsche. 

Als nächstes wird ein Blatt mit englischen Versen auf den Boden gelegt. Die Gitarrenlady erklärt: „Das ist Englisch.“  Ich muss schmunzeln – aber mei – warum sich lustig machen, irgendwie finde ich es auch nett. Die meisten sind eben schon ein wenig älter und haben graue Haare. Sie sind vermutlich hier, weil es ihnen Kraft gibt. Eine Teilnehmerin bleibt bei den meisten Liedern sitzen und summt nur sehr leise und behutsam mit. Sie kann nicht so viel geben und braucht die Kraft der anderen. Ich glaube sie versucht die positiven Vibes mit ihren offenen Handflächen zu empfangen. Ich versuche herauszufinden, wer von den Teilnehmern aus Spaß und reiner Freude hier ist und wer echten Kummer und Mutlosigkeit mit sich trägt. Aber diese Gedanken lösen sich in den Liedern und Wiederholungen auf. Wir singen viele Mantras in fremden Sprachen: „Om Vackratundaya hum“. Nach jedem Lied wird geschwiegen. Immer dann, wenn man denkt man hält die Stille nicht mehr aus, wird noch ein bisschen länger geschwiegen. Ich verliere mein Zeitgefühl und die Lieder hallen in mir nach. Ob ich will oder nicht. Natürlich finde ich manche Lieder albern, vor allem die deutschen Texte. Am schlimmsten finde ich aber die Ausdruckstänze. Bei „Sonne“ breitet man seine Arme aus, bei „Herz“ legt man seine Hand auf seine Brust und bei „Stein“ wird die Hand zu einer Faust geballt. Brauch ich ja nicht weiter erklären!

In der Pause gibt’s dann endlich doch Kekse, aber ich entscheide mich für Salzbrezeln. Wir haben nichts zu Abend gegessen und das Singen macht ganz schön hungrig. Ich schnappe mir immer wieder unauffällig einige Salzbrezeln. Irgendwann höre ich die Keks-Verteilerinnen miteinander flüstern: „Die Salzbrezeln schmecken so komisch. Ich glaub die sind nicht mehr gut“. Hätt ich mich mal für die Kekse entschieden…

Zwei Stunden dauert die Veranstaltung und da ist Zeit für allerlei… Wir singen Indianer-Mantras, buddhistische Mantras und auch ein Mantra der Wale und Delfine. Pezi ist begeistert! Wir singen auch ein selbst komponiertes Lied der Gitarrenlady. Es handelt von einer persönlichen Leidensgeschichte der Singkreisleiterin. Der Held in diesem Stück: ein fröhlicher Kleiber. Pezi ist peinlich berührt. Wir singen auf Deutsch, Englisch und vielen anderen Sprachen. Einmal im Monat wird hier im spirituellen Singkreis gesungen, Frieden geschlossen und dem Schmerz der Welt Ausdruck verliehen, oder einfach nur „schweinemäßig“ viel „Spaß“ gehabt.

Nach zwei Stunden Mantras singen, sind die Menschen ganz erfüllt und am Ende freut sich eine zierliche Frau: „Das war das schönste Geschenk zu meinem Geburtstag!“ Na Happy Birthday! 

singkreis

Pezi’s Story

Ich mach auf dem Treppenabsatz kehrt und bettle Belinda aus tiefster Seele an: „Bitte, bitte lass uns umkehren! Bitte! Ich will das nicht machen! Ich habe es mir anders überlegt! Ich muss hier weg!!!“ Ich bin wirklich verzweifelt, aber natürlich weiß ich, dass es kein Zurück gibt. Es ist zu spät. Ich resigniere und gehe die restlichen Treppenstufen hoch. Neben mir sehe ich eine Tür mit der Aufschrift „Häkelraum“. Ich frage mich, wie man es sich in der besten Lage Münchens leisten kann, einen ganzen Raum nur fürs Häkeln zu haben. Aber in besagten Häkelraum müssen wir leider nicht. Wir sind auf der Suche nach dem „Clubraum“. Geradeaus sehe ich ein paar Menschen in einem Stuhlkreis sitzen und pirsche mich langsam vorwärts. Als ich sehe, dass eine Dame aufsteht, um uns zu begrüßen, bekomme ich Panik und laufe schnell in die andere Richtung. Die Dame setzt sich wieder. Jetzt ist die Situation natürlich noch verfahrener und ich brauche ewig, um mich wieder langsam in den Raum zu wagen. Was Belinda so lange macht, bekomme ich nicht mit. Wahrscheinlich versteckt sie sich die ganze Zeit hinter mir. „Ist das hier der Clubraum?“ Ein dünner älterer Herr mit großer Nase und randloser Brille räuspert sich: „Hohoo, ja also das kommt ganz darauf an, was Sie suchen!“. „Wir sind auf der Suche nach diesem spirituellen Singkreis.“ Ich hab schon befürchtet, dass wir richtig sind, denn in der Mitte des Raumes ist ein Kreis aus Seidentüchern drapiert, darauf brennende Kerzen, Trommeln, Rasseln, Liederbücher und ein Apfel. Was der Apfel dort zu suchen hat, ist mir schleierhaft. Ich hab sowas schon mal in New York gesehen. An der Gedenkstätte von John Lennon. Ich bezweifle allerdings, das hier ein Beatles-Fan unter den Singkreis-Teilnehmern ist.

Der Raum füllt sich langsam. Belinda kauert auf einem Stuhl, ist kreidebleich und jeder Muskel ihres Körpers ist angespannt. „Alles in Ordnung mit dir?“ „Jaja, ich muss mich nur grad ends konzentrieren, damit ich nicht völlig durchdreh…“ Die meisten der ca. 30 Sänger ziehen ihre Schuhe aus. Ich vermute um eine bessere Verbindung mit Mutter Erde aufzubauen. Ich behalte meine Schuhe an. Als die Leiterin des Singkreises uns begrüßt, schmeißt eine der Sängerinnen irgendwas runter und entschuldigt sich, woraufhin die Leiterin entgegnet: „Macht nichts, alles ist Musik!“

Wir beginnen mit einem bayerischen Song über … naja über was weiß ich eigentlich nicht, aber der Text ging so: Heid geht‘s ma sauguad / D‘Sun scheint auf mi herunter / Heid geht‘s ma sauguad / dubadubah. Und jetzt kapiere ich langsam, wie das hier läuft. Jedes Lied, das wir heute singen werden, ist auf ein Minimum an Text und Tönen beschränkt. Es geht nicht darum, Lieder zu lernen oder besonders schöne Melodien zu hören, es geht eher darum, sich in einen bestimmten Rhythmus „einzusingen“ und ihn zu „spüren“. Deswegen singen wir immer im Stehen, mit Augen zu und auch immer nur eine Strophe, aber die dafür 20 mal am Stück bis alle sich zur Musik wiegen und mit den Händen in der Luft herumfuchteln. Manche stampfen mit den Füßen. Andere schnappen sich Trommeln und spielen höchstgradig disharmonisch dazu. Ich habe gelernt, das nennt man „chanten“. Wir sind wie die Nonnen aus Sister Act, aber bevor Whoopi kommt und alle cool werden! Belinda und mir gelingt es zeitweise die Musik zu „spüren“ und wir wackeln auch ein bisschen hin und her. Und da mir das Singen an sich sogar Spaß macht, häng ich mich voll rein und ernte wohlwollende Blicke der Leiterin. Der Typ gegenüber von mir ist nach uns der jüngste Teilnehmer. Er trägt knallrote Wollsocken. Ich verabscheue Wollsocken! Ich finde die einfach ekelig. Auf jeden Fall, dieser Typ scheint sich besonders berufen zu fühlen, denn er ist ein großer Fan von Ad Lips! Das heißt, er singt immer seine eigene Variante der Melodie in die stillen Pausen. So wie Alicia Keys usw. Belinda kann das nicht ertragen. Ich schäme mich fremd. Aber eigentlich schäme ich mich ja schon genug für mich selbst, also ist das auch schon wurscht.

Das Befremdlichste an der ganzen Sache ist, dass wir nach jedem Lied etwa eine Minute lang still dasitzen, mit gesenkten Köpfen, bis die ersten leisen Kommentare wie „einfach  bewegend“ oder „wunderschöne Worte“ in den Raum geworfen werden. Diese Schweigeminute macht mich jedes mal schier wahnsinnig. Mein Gesicht brennt.

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Jetzt singen wir ein Lied, in dem wir Sonnenstrahlen der Liebe verschicken. Wir sollen an jemanden denken, dem wir diese Sonnenstrahlen gerne schicken möchten. Ich zerbreche mir den Kopf, wer zum Teufel von mir jetzt so einen Sonnenstrahl der Liebe geschickt haben wollen würde. Mir fällt niemand ein und ich schicke ihn mir selbst. Als wir dann im Raum herumschauen und uns gegenseitig Sonnenstrahlen schicken sollen, begleitet von einer ausschweifenden Geste, ist das Fass fast am Überlaufen.

In der Pause versuche ich mich ein wenig unter die Leute zu mischen, aber diese sind nicht wirklich empfänglich für meine Witze und so bleibe ich an einem Schaukasten mit gefilzten Handtaschen hängen. Belinda holt sich ununterbrochen Salzbrezeln von der Theke, obwohl sie von dem Herren mit der randlosen Brille drauf hingewiesen wird, dass die Salzbrezeln schon sehr alt wären und nicht mehr schmecken würden. Ihr scheint das aber wurscht zu sein. Ich denke mir noch, dass sie später beim Singen einen sauberen Durscht bekommen wird.
Die zweite Hälfte unterscheidet sich kaum von der ersten. Es folgt ein Lied aus dem Reich der Wale und Delfine. Die Legende besagt, dass der Songtext „natanga oshimi rey“ (oder irgendwie so) ein Gruß ist, den sich Wale und Delfine zurufen. Indem man diese Worte singt, kann man die Energie dieser edlen Tiere einfangen und aufnehmen. Hammer oder! Bislang mein Favorit!

Ich bin durchaus froh, als wir den letzten Song anstimmen, aber der hat es noch mal in sich! Wieder werden allerlei Gesten ausgepackt. Meine hochmotivierte Nachbarin tippt mir ständig auf die Schulter um die Zeilen „Das Leben klopf an deine Tür“ zu verdeutlichen. Ich spiele mit und wir schauen uns beim darauffolgendem „Ja!Ja!Ja!Ja!“ in die Augen und sehen bestimmt wahnsinnig fröhlich aus. Und auch saudämlich. Wie diese dicken Brüder mit den schlechten Lederhosen ausm Musikanten Stadl.
Als das alles endlich überstanden ist, schnappen wir uns verdächtig schnell unsere Taschen. „Bier?“ „Bier!“

Ich bin mir ziemlich sicher, dass beim nächsten Treffen des Singkreises der ein oder andere sagen wird: „Könnt ihr euch noch an die Mädels vom letzten Mal erinnern? Was zur Hölle wollten die denn hier!? Freaks …“

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Für alle, die jetzt so richtig Lust aufs Chanten bekommen haben, empfehle ich dieses Video vom „Offenen Chanten München“ zum Mitsingen und -tanzen:

 

4 Kommentare

  1. Tim

    Geil! Den Guru Friedrich brauchen wir bei uns – chanten@gus. That’s it. Und die Bude und überhaupt all strahlen nach 2 Stunden. Das ist doch die coole Alternative zu unserem langen Weg. Wollt Ihr nicht beim Meister lernen? Persönlichkeitsentwicklungsbudget liegt bestimmt noch irgendwo rum….? Bin jetzt schon auf euer nächstes ucme Erlebnis gespannt…

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