Rotweinschwestern & Quantenverschränkung

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Pezis Story

Von Gewürm und Klumpen

In meinem Freundeskreis werde ich für meine überaus interessanten und informativen Wissensvorträge geschätzt. Letzte Woche habe ich beispielsweise bei einer Taufe die Tischgesellschaft mit meinen Theorien zur Quantenverschränkung begeistert. Bei einem Bier an der Isar erzähle ich aber am liebsten die Geschichte über die Entstehung des Auges, die ich in einer Folge COSMOS erfahren habe und die mich tief beeindruckt hat. Aus einem ungeordneten Klumpen lichtempfindlicher Zellen in irgendwelchem Meeresgewürm entwickelte sich im Laufe der Jahrmillionen ein hochkomplexes, perfektes Sinnesorgan. Die ganze Augenevolutionsgeschichte kann ich euch gerne bei unserer nächsten Begegnung erläutern. Aber eins dürfte klar sein, mit dem menschlichen Auge bin ich durchaus vertraut.

Umso verwunderlicher ist mein schlechter Start in der neuesten Challenge …
Freitag Abend, Uni-Viertel, 38° C. Bells und ich laufen in einem hippen Buchladen/Bar/Eventlocation/Galerie/SharedWorkspace ein. Die bereits anwesenden „Gäste“ haben sich in die Ecken verkrochen und wirken verloren und leicht angespannt.

Ich habe mir vorsichtshalber einen Fake-Ehering an den Finger gesteckt.

Eine Gruppe junger Inder hat sich in einem Stuhlkreis zusammen gehortet. Da ich vor der Veranstaltung die leise Befürchtung hatte, es könnte sich mal wieder um ein Event handeln, das auch gerne zum Flirten genutzt wird, habe ich mir vorsichtshalber einen Fake-Ehering an den Finger gesteckt. Und ich sollte recht behalten. Belinda hat mich nämlich zu einer ?eye-contact-challenge?geschleppt. Und ja, es ist genau das, wonach es klingt, man sitzt wildfremden Menschen gegenüber und muss sich in die Augen starren. Die Zeitspanne darf jeder selbst bestimmen, aber Erfahrungswerte zeigen, 15–45 Minuten sollten schon drin sein. Danach muss man aufstehen und sich einen neuen Glubsch-Partner suchen.

So kocht man Pudding

Die Veranstaltung beginnt sehr unvermittelt und ehe ich mich überhaupt an den Gedanken gewöhnen kann nimmt mir gegenüber ein junger Mann platz, der mir freundlich zulächelt und wir beginnen – ohne große Worte – uns in die Augen zu blicken. Ich werde nervös. Ich versuche mich zu entspannen und möglichst unaufällig und ruhig zu atmen, aber die Situation wird immer schlimmer. Nach kurzer Zeit beginnen meine Augen zu tränen. Ich schäme mich, denn ich muss pausenlos blinzeln. Mein Kopf läuft rot an.

Bekomme ich etwa Schweißflecken zwischen den Brüsten?

Zu allem Überfluss herrschen in der Location tropische Temperaturen, sodass mir die Schweißtropfen über die Stirn laufen. Ich spüre, wie der Schweiß in meinen Ausschnitt tropft. Die nassen Haare kleben mir im Nacken. Bekomme ich etwa Schweißflecken zwischen den Brüsten? Oh Gott bitte nicht! Ich möchte mich doch auf mein Gegenüber konzentrieren und Schwingungen empfangen! Aus Minuten werden Stunden, aus Stunden werden Tage. Meine Tränenflüssigkeit hat sich mittlerweile in milchigen Pudding verwandelt, der mir jegliche Sicht raubt. Mein Blinzeln verwandelt sich in verzweifeltes Lidflattern. Die unbequeme Holzbank drückt sich wie ein Folterinstrument in meinen Rücken. Der Schweiß fliesst in Bächen an mir herab. Fuck! fuck! fuck! … Was zum Teufel muss der Tüp von mir halten?!?!? Fuck …
Irgendwann scheint er genug von mir und meiner hochroten Birne zu haben, bedankt sich kurz und steht auf. Ein Blick zur Uhr: 20 Minuten geschafft! Und was jetzt? Erst mal zur Bar.

Während langsam der Pudding aus den Augen verschwindet, beobachte ich Belinda und ihren Starings-Partner, die sich immer noch in innigster Zweisamkeit befinden. Irgendwie gerät Belinda bei jeder Challenge an die Profis. Ihr Gegenüber hat die Hände in Meditationshaltung auf den Knien abgelegt. Der meint es ernst. Bells lümmelt etwas nonchalant auf der Bank und hat eher einen kämpferischen Ausdruck im Blick. Sie meint es auch ernst. Hier werden keine Gefangenen gemacht.

Ich beschließe mir einen neuen Partner zu suchen und setze mich etwas abrupt auf den Stuhl gegenüber einer etwa 20-jährigen instagram-Maus. Sie ist so überrascht, dass sie sich gleich an ihrem Wasser verschluckt und erst mal fünf Minuten hustet. Für mich ein Glücksfall, denn das verschafft mir schon vor der Challange einen Coolness-Vorsprung. Wir beginnen. Ihre große goldene Brille macht es mit etwas schwer, ich sehe nur Dreiviertel der Augen und konzentriere mich deshalb auf den unteren Teil. Ich erinnere mich an einen Workshop, den ich im Studium absolviert habe: Es ging darum Menschen ohne Worte für sich zu gewinnen. Körpersprache und andere krasse Tricks. Ich beginne meine Atmung an die meiner Partnerin anzupassen. Ich finde es selbst gleich so krass entspannend, dass ich mich anstrengen muss nicht einzuschlafen. Nach 25 Minuten beenden wir die Challenge und die Maus bedankt sich mit einer Umarmung und den Worten: „Also dir hab ich total gern ins Gesicht geschaut.“

Ich laufe ein paar Mal in Belindas Sichtfeld auf und ab um ihr zu signalisieren, dass es jetzt reicht.

Ich schlendere wieder ein wenig herum und entdecke Belinda und ihren Profi-Glubscher, die anscheinend immer noch nicht die Blicke voneinander abwenden konnten!!! Ich mache mir ein bisschen Sorgen. Und die beiden machen mir echt Angst … Ich laufe ein paar Mal in Belindas Sichtfeld auf und ab um ihr zu signalisieren, dass es jetzt reicht.

Aber schon werde ich schon von einem Kanadier aufgegabelt. „Wollen wir es wagen?“ fragt er.? Er trägt ein knallblaues Polohemd mit allerlei aufgenähten Patches, dazu ein leichter Überbiss. Nachdem wir uns ein paar Minuten angeblickt haben, ereilt mich eine erschütternde Erkenntnis. Der kanadische Tüp sieht genauso aus wie mein Vater. Nur in Jung. Genau die gleiche Augenpartie! Mich schüttelt es kurz, was den Kanadier sichtlich irritiert. Das Erschütternde ist, das mir in diesem Moment zum ersten mal klar wird, das mein Vater auch mal ein junger Mann war. Und während ich noch diesem Gedanken nachhänge und mir Bilder ausmale, wie mein Dad wohl als junger Mensch war und wie ich wohl als alter Mensch sein werde und wie die Generationen nach uns sein werden und ob es Aliens gibt die das alles steuern, beugt sich der Kanadier zu mir und flüstert: „Waren das schon 15 min?“ Ich entlasse ihn und treffe mich mit Belinda, die sich mitlerweile befreit hat, vor der Tür. Sie hat zwei Bier besorgt.

Bin ich Teddy oder Arbeiter?

Draußen lernen wir J. kennen. Ein etwa 45-jähriger Musiklehrer mit blasser Haut, übergroßem Adamsapfel und besockten Füßen in Sandalen. Es dauert nicht lange und er hat einen Narren an uns gefressen. Er ist zutiefst beeindruckt von unseren Erlebnissen in der Selbstfindungs-Szene. Wir bringen es nicht übers Herz ihm von dem Blog zu erzählen. Auch er konnte schon viel Erfahrung auf diesem Gebiet sammeln.

Wer einen Ständer kriegt, fliegt raus, sagt er und lacht herzlich. Ich hoffe, dass das kein Witz war.

Als er uns von seinem Bonding-Experiment erzählt und ich ihn ermahne, das hieße Bondage, findet er das aber nicht witzig. Er fährt unbeirrt fort: Beim Bonding legt man sich einfach Körper auf Körper aufeinander. Für eine Stunde. Der obere wird „Teddy“ genannt, der untere „der Arbeiter“. Wer einen Ständer kriegt, fliegt raus, sagt er und lacht herzlich. Ich hoffe, dass das kein Witz war. J. ist jetzt noch auf dem Weg in eine Karaoke-Bar und will uns mitnehmen. Er hat mittlerweile ein Auge auf Belinda geworfen, die damit sichtlich überfordert ist. Ich entschuldige mich höflich. Ich bin morgen früh auf eine Taufe eingeladen und muss schließlich noch ein paar interessante Fakten zur Quantenverschränkung vorbereiten. Bells ergreift die Chance und wir verabschieden uns gemeinsam. J. bittet noch um eine herzliche Umarmung. Nach der Bonding-Story etwas unangenehm aber wenn’s hilft, sei’s drum.

Im Bus schreibe ich Belinda eine Whatsapp-Nachricht: Wir brauchen bessere Eheringe!

Belinda’s Story

Ich gebe Pezi einen goldenen Ring. Sie steckt ihn sich an den Ringfinger. Ich tue es ihr gleich. Bist du sicher, dass du das machen möchtest?” Mit den Eheringen ausgestattet wähnen wir uns in Sicherheit und begeben uns zur heutigen Challenge. Diese erscheint uns – für den Moment – easy peasy – wir sind also relativ entspannt. Auf der Suche nach der genauen Adresse kommt uns so ein langer Lulatsch Ende 40 entgegen und fragt: „Geht ihr auch zu der…“ – richtet abrupt zwei dünne Finger auf seine Augen, dann auf uns – „Challenge?“.

Pezi sagt leise zu mir: „Fängt ja schon mal gut an“. Wir gehen mit dem Typ mit und landen in einem Café. Mehrere Stuhlreihen sind aufgestellt, immer so, dass sich zwei Menschen gegenüber sitzen. Pezi und ich nehmen Platz und warten bis es anfängt. Prompt setzen sich uns zwei Kerle  gegenüber. Pezis Typ ist ein langer blonder mit etwas hervorquellenden Glubschern. Meiner ist groß, trägt einen Künstlerhut und eine breite Halskette. Wir smalltalken ein bisschen mit den beiden und dann fällt der Startschuss. Stille. Ein letztes zurecht rutschen auf dem Stuhl. Mein Partner legt die Hände auf seine Oberschenkel. Mit nach oben geöffneten Handflächen wie ein Yoga Guru. Er ist der einzige der das so macht. Dieser Move verunsichert mich zutiefst und hebt das ganze auf eine spirituelle Ebene. Wie ein Radio stellt er seine Antennen auf Empfang und versucht zwanghaft irgendwelche Wellen einzufangen, wo keine sind, zumindest habe ich keine Vibes für ihn übrig.

Ich fühle mich ausgeliefert und grinse grundlos um meine Nervosität zu überspielen. Natürlich nur kurz. Er auch. Dann wird es ernst. Links, rechts, links, rechts, links, rechts. „In welches Auge soll ich schauen?“ Und dann vergehen viele, viele Minuten. Es entwickeln sich ambivalente Phasen. Es ist schwer zu sagen, was in ihm vorgeht, geschweige denn in mir. Doch nach den ersten Minuten entkrampfe ich mich und hab langsam auch raus, dass man sich mit dem linken und rechten Auge des anderen am besten abwechselt. Mit der Zeit werde ich weicher und meine zu glauben, dass ich ihn nun tiefer blicken lassen kann. Das ist für den Moment ok für mich. Just bahnt sich ein Lächeln auf seinem Gesicht an. „Kann er meine Gedanken lesen?“ Aber schon ist das Lächeln wieder verschwunden.

Irgendwann nach gefühlt 20 Minuten erreiche ich einen fast meditativen Zustand. Ein kleiner Moment der tiefsten Entspannung. Da bewegt sich was. Mein Blick fällt unwillkürlich auf die Person die gerade an uns vorbei läuft. „Scheiße! Schnell wieder fokussieren!“ Mir wird klar, dass ich fast abgedriftet bin. Mein kleiner Fauxpas ist ihm natürlich nicht entgangen. Sofort fühle ich mich wieder unwohl und in mir steigt das Bedürfnis, mich zu verstecken. Aber in dieser Situation kann man sich nur in sich selbst verstecken. Ob er wohl mein Wesen sieht? Wir grinsen uns an. Ich glaube sein Blick ist verständnisvoll. Ich beschließe: „Jetzt ist wieder das linke Auge dran“ und schaue in eine braune, inzwischen sehr glasige Iris.

Pezi ist schon seit einer halben Ewigkeit mit ihrer ersten Challenge fertig und geistert irgendwo im Raum rum. Ich weiß, dass sie mich beobachtet und fühle mich deswegen unwohl. Abgesehen davon möchte ich mich allmählich aus dieser Sequenz lösen, weiß aber nicht genau, wie ich es anstellen soll. Ab und zu starte ich den Versuch, mich in eine bequemere Sitzhaltung zu bringen, dabei aber den Blickkontakt zu meinem Partner nicht zu verlieren. Es vergehen weitere nicht enden-wollende Minuten. Schwer zu sagen ob es 10 oder 20 sind. Irgendwie hat sich aus der anfänglichen Neugier für den anderen und der anschließenden entspannten Phase mit der Zeit was anderes eingestellt. Etwas rivalisierendes. Ein kleines Spiel steht unausgesprochen zwischen uns nach dem Motto “Wer aufgibt, hat verloren”. Mir ist klar, dass das Schwachsinn ist und auch nicht Sinn und Zweck der Übung. Aber aufgeben möchte ich trotzdem nicht.

Gespannt warte ich darauf, dass er es beendet. Und das tut er zum Glück auch. Er fragt ob ich eine Pause brauche und ich bejahe erleichtert. Er schaut auf die Uhr. Wir haben uns ganze 45 Minuten in die Augen gesehen. 45 Minuten! Ich frage, ob meine Augen mittlerweile knallrot sind. Er meint nein und dass er bemerkt hätte, dass sich meine Energie jedesmal verändert hätte, wenn meine Freundin an uns vorbeigelaufen ist. Ich fühle mich ertappt. Wir haben uns nichts (mehr) zu sagen und ich gönne meinen Augen eine Pause, bevor ich mich in die nächste Challenge schmeiße. Pezi amüsiert sich prächtig darüber, dass ich wieder an einen solchen „Profi“ geraten bin und weist mich darauf hin, dass ich wirklich krass rote Augen hätte. Wieso hat der Typ mich gerade angelogen? Sie hat inzwischen ihre zweite Challenge hinter sich und ist, soweit ich es beurteilen kann, immer noch gut drauf.

Bei meiner zweiten Challenge stelle ich mich einem sympathischen Mexikaner, der ständig einen riesigen Reisekoffer mit sich rum schiebt und ihn quasi keine Minute aus den Augen lässt. Wir setzen uns hin. Er weiß, dass er seinen Blick gleich von dem Ding lösen muss und legt stattdessen seine Hand drauf. Der Typ ist nett und wir plaudern ein wenig auf englisch und er fragt, ob wir während der Challenge auch miteinander reden können. Hui das ist ganz schön schwierig und spooky. Aber ich tue ihm den Gefallen. Er ist sehr nervös, aber irgendwann schaffe ich es (mit meinen Blicken?!) ihn zum schweigen zu bringen und ein paar wenige Momente Blickkontakt zu halten. Er hält es nicht lange aus und beendet die Challenge sehr rasch, denn ihm ist mehr nach reden als nach schauen. Also holen wir (und der Koffer) uns ein Bier und quatschen. Das ist auch mehr nach meinem Gusto.

Das Event neigt sich dem Ende zu. Pezi und ich wollen schon abdüsen, als der lange Lulatsch von anfangs wissen will, wie unsere erste Eye-Contact-Challenge war und erzählt uns von seinen anderen spirituellen Erlebnissen. Das find ich wahnsinnig spannend und versuche mehr aus dem Typen raus zu kriegen. Ein Fehler. Er denkt, dass Pezi und ich auf der Jagd nach Selbsterfahrungen jeglicher Art sind. Und fragt wiederum uns aus. Wir geben zu, öfter mal was „Neues“ auszuprobieren. Das findet der Kerl total klasse und fragt, wie wir denn dazu gekommen sind. Unsere Standardantwort: Rotwein. Ach, er würde gerne einen Rotwein mit uns „Rotwein-Schwestern“ trinken, aber seit dem Bonding trinkt er nicht mehr. Pezi fragt nach ob sie gerade richtig gehört hat und sagt: „ Du meintest Bondage?“. Den Witz versteht er nicht. Er will viel lieber davon erzählen wie das „aufeinander liegen“, das macht man nämlich beim „Bonding“, so war. Klingt jedenfalls ziemlich unangenehm. Alles klar denke ich mir, dann kommt das auf unsere Liste! Ehrenwort!
Nun wollen wir aber wirklich los und noch irgendwo chillig ein Bierchen trinken. Der Kerl ist aber nicht abzuschütteln und fragt, was man denn an einem Freitagabend so macht. Wir wollen nicht unhöflich sein, bewegen uns aber demonstrativ Richtung U-Bahn. Der Kerl dackelt uns ungefragt hinterher. Dann wird uns klar, dass aus dem Bier heute nichts mehr wird. Pezi meint sie müsse morgen auf eine Taufe (das stimmt sogar) und früh raus und sie müsse ganz schnell heim. Und ich sei bereits mit Freunden verabredet. Endlich gelingt uns der Absprung. Er umarmt uns zum Abschied und sagt ”Wir sehen uns bestimmt mal wieder bei so einer Veranstaltung!” Ich steige vor seinen Augen die U-Bahn Treppen hinab und Pezi in den Bus. Warum zur Hölle haben wir eigentlich diese Eheringe mitgenommen?

Aber hat dieser ganze Challenge-Kram jetzt irgendwas mit mir gemacht? Und was zum Teufel war eigentlich in diesem Koffer? Eine Million in kleinen Scheinen? Leichenteile? Oder einfach nur Wechsel-Unterwäsche? Diese Frage wird mich sicher die ganze Nacht wach halten …